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Der Mensch ist gut, gerade in der Krise

Der Mensch ist gut, gerade in der Krise

Der Mensch ist gut, gerade in der Krise

Es ist ein gern bemühter Topos: Wenn es hart auf hart kommt, ist sich jeder selbst der Nächste. Das, so die These der amerikanischen Essayistin und Autorin Rebecca Solnit, ist Unsinn und hält einer Untersuchung menschlichen Verhaltens während realer Katastrophen nicht stand.

Man kennt es aus zahlreichen apokalyptischen Filmen, Büchern und Serien: Ein wie immer geartetes Unglück bricht über die Welt herein, und bald beginnen die Überlebenden, einander die Köpfe einzuschlagen, Ressourcen zu stehlen und die letzten Reste an Infrastruktur abzufackeln: Das Recht des Stärkeren übernimmt.

Doch in der Realität finde sich ein solches Verhalten selten, so Solnit, die vor allem durch den Begriff "mansplaining" bekannt ist, den sie 2014 in der Essaysammlung "Men explain things to me" populär machte. Im Gegenteil brächten Katastrophen bei vielen Menschen das Beste hervor. "A Paradise Built in Hell" lautet der Originaltitel des Buchs, das bereits 2009 in den USA erschien und nun erstmals auf Deutsch unter dem Titel "Höllenparadies" erscheint. Übersetzt wurde es auf Initiative des deutschen Schriftstellers Ilja Trojanow, der das Vorwort schrieb.

Ihre These untermauert Solnit mit Beispielen aus der jüngeren Geschichte. Das Erdbeben von San Francisco vom 18. April 1906 gilt als eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der Geschichte der USA, Tausende kamen ums Leben, große Teile der Stadt wurden zerstört, "die halbe Stadt war obdachlos".

Die Kosmetikerin Anna Amelia Holshouser sah die Zerstörung und die Not und handelte. Sie stampfte eine behelfsmäßige Suppenküche aus dem Boden, sammelte Geld für Besteck und erhielt bald Unterstützung durch Mitmenschen: Herde wurden aus zerstörten Häusern geholt, Lebensmittel gesammelt und verteilt. Holshousers Cafe Mizpah wurde eine von mehreren Anlaufstellen für alle, die in der verheerten Stadt Hilfe suchten, und zum Symbol für Solidarität in Krisen.

Solnit findet in den Erinnerungen Überlebender viele Berichte über spontane Hilfe: Lebensmittelhändler stellten ihre Waren zur Verfügung und verteilten Milch, Fleisch und Gemüse, "die Leute kümmerten sich umeinander, improvisierten (...)". Bürgerinnen und Bürger halfen beim Bergen von Verschütteten. Weitere Kapitel beschäftigen sich mit der Explosion im Hafen des kanadischen Halifax von 1917, den als "The Blitz" bekannten Angriffen der deutschen Luftwaffe auf London 1940 /41, dem Erdbeben in Mexiko-Stadt von 1985, dem Hurrikan Katrina in New Orleans 2005 und 9 /11.

Ähnlich ist das Muster in allen Beispielen: Menschen entdecken in der Katastrophe das Beste in sich und anderen, es dominieren Empathie, Solidarität und Hilfsbereitschaft. "Die Leute kümmerten sich umeinander, improvisierten Straßenküchen und große Lager und bekämpften die Brände mit bloßen Händen."

Die Essayistin führt Jäger- und Sammlergesellschaften als Beleg dafür an, dass Menschen zur Solidarität geschaffen sind. Die disruptive Kraft der Naturkatastrophe hole diese natürliche Hilfsbereitschaft hervor. Widerstreitende Thesen wie das einflussreiche Werk "Psychologie der Massen" (1895) von Gustave Le Bon sucht Solnit zu widerlegen.

"Wenn sie mir ihre Geschichten erzählen über kanadische Eisstürme, eingeschneite Tage im amerikanischen Midwest, Stromausfälle in New York City, drückende Hitze in Südindien, Brände in New Mexico (...), ist da allgemein ein fast befremdliches Behagen." Weniger behaglich empfände die Obrigkeit den Ausnahmezustand: "Viele Eliten und Machthaber fürchten diesen Wandel, den Katastrophen mit sich bringen, oder meinen, er müsse Chaos und Zerstörung bedeuten, mindestens aber ein Erodieren der Fundamente ihrer Macht."

Folglich spiele sich in der Katastrophe nicht selten ein Machtkampf ab, und gerade Regierung, Polizei, Militär und andere staatliche Einsatzkräfte hätten begonnen, "die Bevölkerung als Feind zu sehen" und sich auffallend destruktiv zu verhalten, so die Autorin – Rassismus gegen Afroamerikaner und Einwanderinnen und Einwanderer etwa aus Japan und China spielten dabei hinein. Solnit, die den Ausdruck "Elitenpanik" verwendet, erzählt Beispiele von Gewalt gegen die Opfer von Katastrophen.

Besonders eindringlich schildert sie die Lage im 2005 von Hurrikan Katrina verwüsteten New Orleans als Beispiel für politisches Versagen sowie die Rolle von Boulevardmedien, die durch nicht bewiesene Berichte von Plünderungen, Verbrechen und Morden zu einem Klima beigetragen hätten, in dem vorwiegend weiße Bürgerwehren auf Schwarze Jagd machten.

Berichte über die Geschehnisse nach den Attentaten auf das New Yorker World Trade Center fokussierten stark auf das Narrativ vom "heldenhaften Feierwehrmann", kritisiert Solnit. So sei untergegangen, dass sich die meisten Leute "in Eigenregie und ohne nennenswerte uniformierte Unterstützung (...) evakuiert hatten und dass unter jenen, die andere gerettet hatten, unsportliche Schwule, ältere Damen in leitenden Positionen, Schulrektorinnen und orthodoxe Juden in äußerst unheroischen Outfits waren, aber auch eine Gruppe Buchhalter, die einen gelähmten Kollegen 69 Stockwerke hinuntertrugen, junge Männer, die dort übernahmen, wo die Polizei passen musste, Obdachlose, Krankenpflegerinnen und Chauffeure."

Unweigerlich stellt sich bei der Lektüre von "Höllenparadies" die Frage, wie Solnit ihren Text heute, 17 Jahre später und im Amerika unter Donalds Trumps Regierung, wohl sehen mag. Eine entsprechende Anfrage an die Autorin via ihren Verlag blieb unbeantwortet. Man kann sich vorstellen, dass sie die gegenwärtigen Entwicklungen als rückschrittlich betrachtet. Ihre Schilderungen staatlich gelenkter Gewalt insbesondere gegen Minderheiten haben in der Rückschau beinahe schon etwas Prophetisches.

Zugleich liest sich manches in "Höllenparadies" recht utop(ist)isch: "Diese Berichte zeigen, dass die Bürger, die für ein Paradies nötig wären – nämlich solche, die genug Mut, Einfallsreichtum und Großzügigkeit mitbringen –, bereits existieren." Man gewinnt den Eindruck, dass Plünderungen während katastrophaler Ereignisse nahezu immer und ausschließlich der Versorgung mit notwendigen Lebensmitteln dienten.

Der blumige Stil trägt dazu bei, dass sich früh im Buch ein "Ja, eh"-Effekt einstellt: "Doch die Sehnsucht bleibt: Alle angehäuften Reichtümer, alle Sicherheitszäune und Aktiendepots sind nichts als ein Bollwerk gegen eine Welt der Unsicherheit und Feindseligkeit, ein Flickwerk aus Scheinlösungen für ein umfassenderes Problem." Was genau dieses Problem sein soll beziehungsweise was die Alternative wäre – eine Rückkehr zum Jäger-Sammler-Dasein? – lässt der Langessay offen.

Der bei allen Schilderungen von Schrecknissen positive Grundton macht "Höllenparadies" trotzdem zu einem guten, nachdenklich machenden Buch. Viele der von Solnit zusammengetragenen Fakten verblüffen und geben den Blick auf das konstruktive Potenzial frei, das in den Menschen schlummert: "Tatsächlich bleiben wir überwiegend wir selbst – nur eben frei, in der Regel nicht entsprechend unserer übelsten Seite zu handeln, sondern unserer besten."

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