Kiew: Russische Angriffe überschatten Merz-Besuch
Während eines Überraschungsbesuchs des deutschen Kanzlers Friedrich Merz (CDU) in Kiew hat Russland erneut die ukrainische Hauptstadt angegriffen. Kurz nach der Ankunft von Merz Sonntagfrüh ertönten die Sirenen. Laut Bürgermeister Witali Klitschko wurde eine Brücke getroffen, die rund vier Kilometer vom Bahnhof im Zentrum entfernt ist. Erst am Vortag hatte Moskau Ausländerinnen und Ausländer sowie Diplomatinnen und Diplomaten davor gewarnt, die ukrainische Hauptstadt zu besuchen.
Klitschko hatte bereits zuvor von einem Drohnenalarm berichtet. Trümmer eines abgeschossenen Flugobjekts seien auf das Dach eines Wohnhauses gefallen. Danach gab es immer wieder neuen Alarm. Auch andere Teile der Ukraine lösten Luftalarm wegen russischer Angriffe aus. In der Region Sumy im Nordosten der Ukraine meldeten die Behörden fünf Verletzte nach einer Attacke mit einer russischen Gleitbombe. Diese sei in ein Wohnhaus eingeschlagen. Die Ukraine griff ihrerseits nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau mit Hunderten Drohnen russische Ziele an.
"Wenn Russland nicht gestoppt wird, richtet sich seine Kriegsmaschinerie früher oder später gegen uns", sagte Merz Sonntagfrüh bei seiner Ankunft mit einem Sonderzug in Kiew. Dort wurde er laut Medienberichten von Ukraines Außenminister Andrij Sybiha empfangen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj dankte Merz für seinen abermaligen Besuch und lobte Deutschland, das "konsequent Führungsstärke beim Schutz der Leben der Ukrainer und Ukrainerinnen vor russischen Angriffen beweist". Es würden mit der deutschen Bundesregierung weitere Maßnahmen zur Verteidigung der Ukraine und Europas vorbereitet. Der Kanzler will bei seinem Solidaritätsbesuch dem von Russland angegriffenen Land Deutschlands weitere Unterstützung zusichern – unter anderem mit Drohnen zur Abwehr der zunehmend schnelleren russischen Flugobjekte.
Merz nahm bei seinem Besuch in Kiew die bei einem Drohnenangriff getroffene Akademie der Wissenschaften in Augenschein. Er sagte bei der Ruine der Akademie, bei Angriffen wie dem am Montag sei die Sinnlosigkeit dieses Krieges deutlich geworden. "Ein Angriff auf die Akademie der Wissenschaften in Kiew, mitten in der Stadt, übrigens wenige 100 Meter von der deutschen Botschaft entfernt. Und heute Morgen an einem friedlichen Sonntag Luftalarm in Kiew", so Merz. Und: "Das sind tägliche Kriegsverbrechen, die hier verübt werden."
Merz wird von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und zehn Unternehmern aus den Bereichen Rüstung und Energie begleitet. Nach Angaben aus Regierungskreisen will der deutsche Kanzler den ukrainischen Streitkräften in Kiew die baldige Auslieferung Tausender Abfangdrohnen zusichern, mit denen die besonders schnellen und daher auch besonders gefährlichen russischen Kampfdrohnen mit Düsenantrieb bekämpft werden können.
Zudem soll die Produktion weitreichender Waffen vorangetrieben werden, mit denen Nachschublinien hinter der Front in Russland angegriffen werden können. Insgesamt soll dafür eine Milliarde Euro aus bereits bewilligten Haushaltsmitteln freigegeben werden – und weitere 350 Millionen Euro für Reparatur und Wiederaufbau zerstörter Kraftwerke.
Nur wenige Stunden vor der Ankunft von Merz warnte das russische Außenministerium ausländische Besucher und Diplomaten vor einem Aufenthalt in Kiew. Diese sollten die Stadt verlassen und sich vor allem nicht in der Nähe von militärischen Objekten und Regierungsgebäuden aufhalten, hieß es in einer Mitteilung.
Als Grund nannte das Ministerium, dass die russischen Streitkräfte "als Reaktion auf die terroristischen Aktionen der ukrainischen Streitkräfte gegen die Zivilbevölkerung und die zivile Infrastruktur unseres Landes weiterhin systematisch gezielte Schläge gegen militärische Ziele in Kiew und anderen ukrainischen Städten führen".
Merz sei trotzdem nach Kiew gereist, "weil die Ukraine für die kommenden Wochen all unsere Unterstützung braucht", sagte er bei seiner Ankunft. "Bald beginnt für die Menschen der fünfte Kriegswinter. Russland bombardiert Städte, Wohnhäuser und Heizkraftwerke."
Die Ukrainer ließen sich aber durch den Terror Russlands nicht unterkriegen, sagte Merz. "Ich werde Präsident Selenskyj heute sagen: Auf unsere Hilfe könnt ihr weiter zählen." Deutschland ist der größte Unterstützer der Ukraine in ihrem seit mehr als viereinhalb Jahren dauernden Abwehrkampf gegen Russland.