Dutzende Festnahmen: Türkischer Börsenskandal weitet sich aus
In der Türkei ist Mitte September ein Börsenskandal aufgeflogen und zieht seither Kreise. Am Montag berichteten türkische Medien von einer Reihe weiterer Festnahmen. Im Zentrum der Causa stehen Vorwürfe von Betrug, Geldwäsche und Marktmanipulation mit mehr als 450.000 möglichen Geschädigten. Kurse von Investmentfonds sollen künstlich in astronomische Höhen getrieben worden sein – bis die türkische Finanzmarktaufsicht die Reißleine zog.
Laut Berichten der größten türkischen Tageszeitung "Hürriyet" und des TV-Senders CNN Türk vom Montag wurden zumindest acht bis zehn weitere Personen festgenommen. Der Verdacht richtet sich gegen Verantwortliche von mehreren Fondsgesellschaften. Die Staatsanwaltschaft Istanbul ermittelt inzwischen gegen Dutzende Verdächtige.
Der mutmaßliche Manipulationsskandal war vor knapp zwei Wochen aufgeflogen, die türkische Finanzmarktaufsicht Sermaye Piyasası Kurulu (SPK) liquidierte 131 Investmentfonds, die laut einem Bericht des britischen "Economist" von letzter Woche gemeinsam bis zu 15 Milliarden Euro in ihren Portfolios gehabt haben sollen.
Deren Zahlen seien "zu schön, um wahr zu sein", gewesen. Fonds und die Kapitalanlagegesellschaften dahinter hätten "spektakuläre Renditen" verzeichnet und den türkischen Aktienmarkt in die Höhe getrieben. Ein Fonds der Gesellschaft Tera sei in drei Jahren um 60.000 Prozent gestiegen, die Aktie einer weiteren Gesellschaft, Destek Finans Faktoring, bis knapp 17 Monate nach ihrem Börsengang um 7.000 Prozent. Gegen Verantwortliche der beiden und weiterer Investmentgesellschaften wird nun ermittelt.
Anlass des Einschreitens der SPK war letztlich, dass die Fondsgesellschaften Forderungen ihrer Anleger und Anlegerinnen nicht mehr hatten bedienen können. "Nun ist die Blase geplatzt", schrieb der "Economist". Der Verdacht stehe im Raum, dass Investmentfirmen nach einem "Ponzi-System" ("Ponzi scheme") gearbeitet hätten. Dabei wird das Geld neuer Investoren dazu genutzt, Forderungen bestehender zu bedienen. Kommt kein Geld mehr nach, platzt die Blase.
Der Istanbuler Börsenindex BIST 100 fiel auf den Wert von März zurück. Laut "Economist" vernichtete der Skandal umgerechnet an die 26 Milliarden Euro an Börsenwert. Auch politisch hatte der Skandal Folgen. Fatma Betul Sayan Kaya, stellvertretende Vorsitzende der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) von Präsident Recep Tayyip Erdogan und von 2016 bis 2018 Familienministerin, reichte am Wochenende ihren Rücktritt ein.
Ihr und ihrem Ehemann Ilyas Kaya war von der Oppositionspartei Yeni Parti (Neue Partei) vorgeworfen worden, vor Platzen der Blase ein großes Aktienpaket mit hohem Gewinn verkauft zu haben. Das werfe Fragen auf. Sayan Kaya äußerte sich nicht näher zu den Vorwürfen, sagte aber, sie wolle politische Verantwortung übernehmen, während die Vorwürfe gegen sie untersucht würden.
In den letzten beiden Wochen waren laut türkischen Medienberichten im Zusammenhang mit dem Skandal mindestens 45 Personen festgenommen worden. Finanzvermögen Dutzender Personen und Unternehmen wurden eingefroren, wie Justizminister Akin Gürlek Samstagabend auf der Plattform X mitteilte.
Inzwischen seien diese großteils aber wieder freigegeben, hieß es am Montag. Die Behörden ermitteln, ob die Fondsbewertungen künstlich aufgebläht wurden. Medienberichten zufolge sind an die 455.000 Kleinanleger betroffen. Wegen der hohen Inflation in der Türkei investieren viele Menschen ihr Erspartes in Aktiengeschäfte, in der Hoffnung, es so gegen den Werteverlust zu schützen. Die Inflationsrate lag in der Türkei zuletzt um die 30 Prozent.
Die Yeni Parti, nach einer Parteispaltung hervorgegangen aus der Republikanischen Volkspartei (CHP) und mittlerweile größte Oppositionspartei, sprach von einer schweren Krise und forderte die Regierung auf, die betroffenen Anleger zu entschädigen. Präsident Erdogan hatte erklärt, das Problem betreffe einen begrenzten Bereich der Kapitalmärkte, und es bestehe kein Risiko für das Finanzsystem oder die türkische Wirtschaft.
Ähnlich versuchte Finanzminister Mehmet Simsek die Wellen zu glätten. Untersuchungen gegen die Verantwortlichen des Skandals liefen, die Regierung werde die Rechte der Investoren schützen, zitierte ihn am Montag die englischsprachige Ausgabe der "Hürriyet", "Hürriyet Daily News". Das Thema werde das türkische Regierungskabinett in den nächsten Tagen beschäftigen.
Der Skandal sei "nicht aus heiterem Himmel" gekommen, schrieb der "Economist". Bereits im Vorjahr habe Simsek auf Indizien von Unregelmäßigkeiten auf dem Aktienmarkt hingewiesen und neue Vorschriften angekündigt. Danach hätten sich Hinweise ergeben, dass Fonds wenig gehandelte Papiere kauften, darunter Anteile an eigenen Gesellschaften, "um deren Wert in die Höhe zu treiben".
Bei illiquiden Aktien funktioniert das mit vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz. Wenn die Kurse dann ansprangen, "konnten sie hohe Gewinne ausweisen, um neue Investoren anzulocken", so der "Economist", und teure Aktien als Sicherheit nutzen, um weitere zuzukaufen.
Es habe ein weiteres Warnsignal gegeben. Bereits im Juni habe der US-Indexanbieter MSCI, der etwa den globalen Aktienindex MSCI World berechnet, angedeutet, die Türkei laufe Gefahr, von einem Schwellenmarkt (Emerging Market) zu einem Grenzmarkt (Frontier Market) herabgestuft zu werden, sollten die Aufsichtsbehörden nicht eingreifen. Damit stünde die Türkei auf einer Stufe mit einer Reihe viel kleinerer Volkswirtschaften. Diese "Alarmglocken" seien allerdings nicht gehört worden.