Äthiopien: Neue Eskalation in Tigray-Region
Im Konflikt zwischen Äthiopiens Zentralregierung und der TPLF in der Region Tigray haben Rebellen den Flughafen der Regionalhauptstadt Mekelle erobert. Die TPLF überwältigte dabei die Regierungstruppen. Der Angriff markiert eine neue Eskalationsstufe in dem seit Monaten wieder schwelenden Konflikt. Internationale Beobachter warnen vor einem Wiederaufflammen des Bürgerkriegs, der zwischen 2020 und 2022 rund 600.000 Menschen das Leben kostete.
Die von der TPLF kontrollierten Regionalbehörden Tigrays erklärten am Mittwoch, sie wehrten eine "Invasion" durch Regierungstruppen ab. Die Regierungskräfte hätten Tigray am Dienstag mit Flugzeugen, Drohnen und Artillerie "intensiv bombardiert", hieß es in einer Erklärung. Daraufhin hätten die Tigray-Kämpfer den Befehl erhalten, den Angriff abzuwehren, und seien in einen "Verteidigungskampf" eingetreten.
Nach Angaben aus Kreisen von Nichtregierungsorganisationen lieferten einander TPLF-Kämpfer und Regierungstruppen in den Ortschaften Abala und Erebti Gefechte. Es sei mit einer Ausweitung der Kämpfe zu rechnen, auch ausländische Sicherheitskreise bestätigten die Gefechte.
Ein ehemaliger hochrangiger TPLF-Vertreter sagte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, die TPLF habe mehrere Ortschaften eingenommen. Die Regierungstruppen befänden sich auf dem "schnellen Rückzug", von der Zentralregierung in Addis Abeba gab es bisher keine Stellungnahme. Die nationale Fluggesellschaft Ethiopian Airlines teilte mit, sie habe "wegen der aktuellen Situation" ihre Flüge zu drei Flughäfen in Tigray eingestellt.
Wenige Tage vor der Eroberung des Flughafens hatte ein Bündnis mehrerer, ideologisch sehr unterschiedlicher Oppositionsgruppen, darunter die TPLF, erklärt, die Regierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed stürzen zu wollen. Die TPLF war lange die bestimmende politische Kraft in Äthiopien, das änderte sich, als Abiy 2018 erstmals Ministerpräsident wurde.
Die daraus resultierenden und von beiden Seiten angeheizten Spannungen eskalierten im November 2020 zu einem blutigen Krieg. Dabei kamen rund 600.000 Menschen ums Leben, der Konflikt endete 2022 mit einem Waffenstillstand. Die hohe Zahl der Todesopfer war sowohl auf die intensiven Kämpfe als auch auf eine Hungersnot zurückzuführen, die durch eine Blockade Tigrays verschärft wurde.
Die TPLF wirft der Zentralregierung des Ministerpräsidenten seit Längerem vor, wichtige Punkte des Waffenstillstandsabkommens nicht umzusetzen. Regierungstruppen würden weiterhin Teile Tigrays besetzen, außerdem halte die Regierung in Addis Abeba Hilfszahlungen für die Region zurück, die noch immer schwer unter den Folgen des Krieges leide.
Internationale Experten warnen bereits seit Längerem vor einem Wiederaufflammen der Kämpfe. Mitte April hatte die TPLF erklärt, die Kontrolle über die Regionalregierung von Tigray wieder übernehmen zu wollen. Damit wurde das Waffenstillstandsabkommen von 2022 faktisch infrage gestellt. Wie die "Süddeutsche Zeitung" am Mittwoch berichtete, hatten Bewohner Tigrays bereits Ende April von Einberufungsbefehlen berichtet, die sie vom militärischen Arm der TPLF erhalten haben sollen.
Auch die Zentralregierung in Addis Abeba dürfte die Spannungen weiter verschärfen. Nach Angaben des Projekts "Armed Conflict Location & Event Data" hat das äthiopische Militär in den vergangenen Tagen mehrere Drohnenangriffe auf tigrayische Streitkräfte durchgeführt. Am Dienstag verurteilte die US-Regierung einen kürzlich erfolgten Drohnenangriff auf einen humanitären Hilfskonvoi der Catholic Relief Services in Tigray.
Das Weiße Haus forderte die Behörden nachdrücklich zu einer umfassenden Untersuchung auf, erklärte jedoch nicht, wer für den Angriff verantwortlich war. Ein Sprecher von UNO-Generalsekretär Antonio Guterres sagte am Montag, er sei "tief besorgt" über die Entwicklung in Äthiopien.
Die Besetzung des Flughafens erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass in der kommenden Woche ein umfassender Konflikt ausbreche, sagte Ed Bach, Senior-Afrikaanalyst der britischen Risikoberatungsfirma Verisk Maplecroft. "Die Beschlagnahmung staatlicher Einrichtungen durch die TPLF liefert Abiy Ahmed einen Vorwand, die Drohneneinsätze zu verstärken, um Stellungen, Logistik und Nachschubwege der TPLF im Vorfeld einer großangelegten Offensive zu schwächen."
Zudem besteht die Sorge, dass sich der Konflikt zu einem Stellvertreterkrieg mit dem nördlichen Nachbarland Eritrea ausweiten könnte. Analyst Bach sieht ein erhebliches Risiko für eine regionale Ausweitung: "Eritrea und die sudanesischen Streitkräfte ermöglichen angeblich Waffenlieferungen an die TPLF und erhöhen damit das Risiko eines eskalierenden Konflikts zwischen mehreren Staaten, der das Horn von Afrika destabilisieren könnte."