PISA-Schock: Jeder Vierte kann nicht ausreichend lesen und rechnen
Die PISA-Studie 2025 zeichnet für Österreich ein gemischtes und teilweise alarmierendes Bild. Während sich die 15- und 16-Jährigen in den Naturwissenschaften verbessern, gehen die Leistungen in Mathematik und Lesen erneut deutlich zurück. Österreich liegt in allen vier erhobenen Kompetenzbereichen signifikant über dem jeweiligen OECD-Schnitt, bei den Grundkompetenzen schrillen dennoch die Alarmglocken. Beim Lesen und Rechnen erreicht mehr als jeder vierte Jugendliche das erforderliche Mindestniveau nicht.
In den Naturwissenschaften erreichen Österreichs Schülerinnen und Schüler 497 Punkte. Das sind sechs Punkte mehr als bei der PISA-Erhebung 2022 mit 491 Punkten. Damit liegt Österreich klar über dem aktuellen OECD-Schnitt von 482 Punkten und dem EU-Schnitt von 476 Punkten. Insgesamt liegen die österreichischen Jugendlichen erstmals in allen getesteten Disziplinen signifikant über dem jeweiligen OECD-Schnitt.
Das ist allerdings nur die eine Seite der Ergebnisse. Denn während Österreich bei den Naturwissenschaften zulegt, sinken die Kompetenzen beim Lesen und in Mathematik. Der Rückgang ist allerdings kein rein österreichisches Phänomen. Beim Lesen verliert Österreich gegenüber 2022 13 Punkte, im OECD-Schnitt beträgt das Minus 14 Punkte. In Mathematik sinkt Österreich um zehn Punkte, OECD-weit sind es neun Punkte.
Besonders deutlich zeigt sich der Negativtrend in Mathematik. Österreich erreicht bei der PISA-Studie 2025 477 Punkte im Vergleich zu 487 Punkten im Jahr 2022.
Trotz des Rückgangs von zehn Punkten liegt Österreich noch über dem OECD-Schnitt von 463 Punkten und dem EU-Schnitt von 460 Punkten. Langfristig fällt die Bilanz jedoch deutlich schlechter aus. Gegenüber 2006 ist die Mathematikleistung bereits um 28 Punkte gesunken.
Auch bei der Lesekompetenz setzt sich der Abwärtstrend fort. Die österreichischen Jugendlichen erreichen mit 467 Punkten 13 Punkte weniger als noch bei PISA 2022 (480 Punkte).
Österreich liegt damit nur noch knapp über dem OECD-Schnitt von 461 Punkten. Im europäischen Vergleich erreicht Irland die besten Werte beim Lesen. Österreich liegt mit seinen 467 Punkten unter anderem hinter der Türkei mit 472 Punkten.
Österreich liegt damit in Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen über dem jeweiligen OECD-Schnitt, zur internationalen Spitze gehört das Land jedoch nicht. Unter den OECD-Staaten schneiden Japan und Südkorea besonders stark ab. In Europa setzt sich Estland in Naturwissenschaften und Mathematik an die Spitze, beim Lesen erreicht Irland den höchsten Wert. Die Ergebnisse zeigen damit: Österreich behauptet sich im internationalen Vergleich überdurchschnittlich, der Abstand zu den leistungsstärksten Bildungssystemen bleibt jedoch deutlich.
Besonders brisant ist der Blick auf jene Jugendlichen, die grundlegende Aufgaben nicht ausreichend bewältigen können. 28 Prozent gehören beim Lesen und in Mathematik zur Risikogruppe, in den Naturwissenschaften sind es 21 Prozent.
Der offizielle österreichische PISA-Bericht definiert Kompetenzstufe 2 als jenes Mindestniveau, das Jugendliche für lebenslanges Lernen und eine umfassende Teilnahme am gesellschaftlichen Leben benötigen. Schülerinnen und Schüler unter dieser Schwelle gelten im Bericht als leistungsschwach.
Erstmals untersucht hat PISA 2025 den Bereich "Lernen in der digitalen Welt". Im veröffentlichten Erstbericht wird daraus das computergestützte Problemlösen ausgewertet. Dabei geht es darum, wie gut Jugendliche mithilfe digitaler Werkzeuge Probleme lösen und informatisches Denken einsetzen können. Österreich erreicht hier 509 Punkte und liegt damit signifikant über dem OECD-Schnitt von 500 Punkten. Im internationalen Vergleich bedeutet das ein gutes Ergebnis, einen Spitzenplatz erreicht Österreich damit allerdings nicht.
Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) spricht angesichts der gesamten Ergebnisse von "Licht und Schatten". Während Österreich bei den Naturwissenschaften zugelegt hat, sieht er beim Lesen und in Mathematik einen "signifikanten Rückgang von Grundkompetenzen". Die Ergebnisse würden Argumente für einen vorsichtigeren Umgang mit digitalen Geräten im Unterricht liefern. Digitalisierung müsse "später und besser erfolgen". Als Konsequenz soll die Ausgabe vergünstigter beziehungsweise kostenloser digitaler Endgeräte von der fünften in die sechste Schulstufe verschoben werden.
Industriellenvereinigung (IV) und Wirtschaftskammer (WKÖ) sehen vor allem bei den Grundkompetenzen dringenden Handlungsbedarf. Die IV fordert, MINT-Förderung bereits im Kindergarten zu beginnen und zentrale Fähigkeiten durch eine Bildungspflicht verbindlich abzusichern.
Für die IV ist die Entwicklung auch wirtschaftlich problematisch. "MINT-Kompetenzen sind längst Standortkompetenzen", warnt IV-Generalsekretär Christoph Neumayer. Gerade für Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Energiewende und neue Technologien seien entsprechende Fähigkeiten entscheidend.
Die WKÖ spricht sich ebenfalls für eine rasche Umsetzung einer Bildungspflicht beziehungsweise Bildungsgarantie aus. "Unsere Betriebe sind starke Ausbildungsorte, können aber nicht Defizite aus neun Jahren Schule kompensieren", warnt WKÖ-Bildungsexpertin Melina Schneider-Lugger. Zusätzlich fordert die Wirtschaftskammer ein verpflichtendes zweites Kindergartenjahr mit gezielter Sprach- und Lernförderung.
Die Arbeiterkammer setzt andere Schwerpunkte. Sie will den Chancenbonus für Schulen mit besonderen Herausforderungen ausweiten, Grundkompetenzen durch individuelle Förderung absichern und die Auswirkungen digitaler Endgeräte auf Konzentration, Lesen und Lernen wissenschaftlich untersuchen.
AK-Bildungsexpertin Ilkim Erdost sieht in den Entwicklungen vor allem ein strukturelles Problem. "Österreichs Schulsystem schafft es noch immer nicht, allen Jugendlichen die Grundkompetenzen zu vermitteln, die sie brauchen."
Die PISA-Studie 2025 liefert damit kein einheitliches Zeugnis für das österreichische Bildungssystem. Naturwissenschaften entwickeln sich positiv und auch beim computergestützten Problemlösen liegt Österreich über dem OECD-Schnitt. Gleichzeitig verlieren die Jugendlichen beim Lesen und in Mathematik weiter an Boden.
Vor allem der hohe Anteil leistungsschwacher Schülerinnen und Schüler rückt nun ins Zentrum der politischen Debatte. Denn PISA misst Kompetenzen von Jugendlichen gegen Ende der Pflichtschulzeit. In Österreich haben 6.987 Schülerinnen und Schüler aus 256 Schulen an der Erhebung teilgenommen.