1929–2026: Yayoi Kusama ist tot
Yayoi Kusama, neben Yoko Ono Japans wohl weltweit bekannteste und erfolgreichste zeitgenössische Künstlerin, ist tot. Kusama, die vor allem mit ihren "Polka Dots" genannten farbigen Punkten berühmt wurde, starb bereits am 14. August in einem Krankenhaus in Tokio, wie das Yayoi Kusama Museum am Donnerstag mitteilte.
Sie wurde 97 Jahre alt. Die Todesursache war laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Kyodo Multiorganversagen. Wie das Yayoi Kusama Museum unter anderem auf Instagram mitteilte, habe Kusama "bis in ihre letzten Tage weitergearbeitet": Sie "legte ihren Pinsel nie beiseite und hielt unbeirrt an ihrer lebenslangen Überzeugung fest, dass Liebe die Welt retten kann."
Das Museum würdigte in seinem Nachruf Kusamas außergewöhnliches, ganz dem künstlerischen Schaffen gewidmeten Lebens. Sie habe eine international gefeierte Karriere als wegweisende Avantgarde-Künstlerin verfolgt, deren kreatives Schaffen bildende Kunst, Performance, Belletristik und Lyrik umfasste. Das Museum werde ihre "Wünsche weiterführen und durch die Kunst den Menschen auf der ganzen Welt auch weiterhin Hoffnung und Kraft für die Zukunft schenken".
Die 1929 geborene Künstlerin wuchs in einem strengen und autoritären Haushalt in der Kleinstadt Matsumoto in der Präfektur Nagano auf und hatte eine schwere Kindheit. Sie litt als junges Mädchen unter ihrer herrschsüchtigen Mutter, die ihre Tochter laut deren Schilderung dem Vater beim Fremdgehen nachspionieren ließ.
Diese Erlebnisse sollten bei Kusama zu Angst vor Sexualität führen, die sie später in ihrer Kunst verarbeitete. Die Strenge der Mutter, die sie an einer natürlichen seelischen Entwicklung hinderte, könnte zu Kusamas schon früh beginnender Krankheit geführt haben, die sich in Halluzinationen ausdrückte.
Sie begann, Punkt- und Netzmuster zu sehen, und fürchtete, sich darin aufzulösen. Nach dem Besuch einer Kunsthochschule in der alten Kaiserstadt Kyoto und ersten Ausstellungen entschloss sich Kusama, vor dem Druck ihrer Mutter in die USA zu fliehen. Zwischen 1958 und 1972 lebte und arbeitete sie vorwiegend in New York.
"In der Zeit der sexuellen Revolution schaffte sie es, durch ihre politisch motivierten Performances in der New Yorker Kunstszene berühmter zu werden als Andy Warhol", sagte Mario Ambrosius, ein in Japan lebender deutscher Künstler, der dpa. Ihren ersten großen Erfolg in New York hatte Kusama 1959 mit der Ausstellung "Obsessional Monochrome". Ihre "Infinity Net Paintings" zeigten Netzwerkkompositionen aus weißen Strichen auf schwarzem Untergrund.
Vor allem Punkte – die ihren Ursprung in ihren Halluzinationen hatten – wurden zum Markenzeichen der Künstlerin. Die "Polka Dots" wurden zum Ausdruck ihrer Suche nach Unendlichkeit und Selbstauflösung. In "Infinity Mirror Rooms" genannten Räumen lieferte Kusama mit Hilfe ihrer Punkte, mit Kugeln, anderen Objekten, Spiegeln und Licht spektakuläre Blicke auf eine imaginierte Unendlichkeit.
Bei ihren Happenings in New York wurden ihre "Polka Dots" zudem auf jede Menge nackter Haut gemalt. Sie inszenierte sich als eine Künstlerin mit und in ihrem Schaffen. International bekannt wurde Kusama 1966 mit dem Happening "Narcissus Garden". Weil ihre Arbeiten nicht für die Biennale in Venedig ausgewählt wurden, baute sie die Installation aus 1.500 spiegelnden Kugeln ohne Genehmigung vor der Ausstellungshalle auf.
Ende der 1960er Jahre griff Kusama Ideen der Hippiebewegung wie Pazifismus und Nudismus auf. Ambrosius hebt unter ihren Werken unter anderem "Aggregation: One Thousand Boats Show" von 1963 in der Gertrude Stein Gallery und "Phalli's Field" von 1965 in New Yorks Castellane Gallery hervor.
Der kommerzielle Erfolg blieb jedoch aus, 1973 kehrte sie nach Japan zurück. 1977 beschloss Kusama, sich in eine psychiatrische Klinik im Tokioter Stadtteil Shinjuku einweisen zu lassen, in der sie bis zuletzt lebte und als Künstlerin arbeitete.
Kusama wurde zu einer kommerziell erfolgreichen, international gefeierten Künstlerin. In Japan werden unzählige Souvenirs und Fanartikel mit Motiven der Künstlerin verkauft, in Paris und anderen Orten stehen riesige Kusama-Statuen. Ihre Kürbisse, unter anderem auf der japanischen Insel Naoshima, haben Kultstatus und sind ein wichtiger Touristenmagnet. 2012 lud die Luxusmodemarke Louis Vuitton sie ein, die Schaufenster der hauseigenen Filialen, darunter in Paris, New York und Tokio, zu gestalten.