Shein: Gigant mit dezimiertem Wert betritt Börse
Der chinesische Fast-Fashion-Riese Shein hat schon lukrativere Zeiten gesehen, der Börsengang in Hongkong steht daher unter besonderer Beobachtung. Die Zeichnungsfrist beginnt am Mittwoch, am 28. August soll die Aktie erstmals an der Börse gehandelt werden. 2022 wurde Shein bei einer Finanzierungsrunde mit ungefähr 98 Milliarden US-Dollar (84,5 Mrd. Euro) bewertet – dass nun nur mehr mit einer Marktkapitalisierung von rund 25 Mrd. US-Dollar gerechnet wird, spricht Bände.
2023 wuchs das Unternehmen noch mit 41 Prozent, 2024 mit 20 Prozent. Für 2026 rechnen Analysten und Analystinnen nur noch mit einem Zuwachs von zwei Prozent. Im ersten Quartal dieses Jahres verzeichnete der Fast-Fashion-Händler einen Verlust von 99 Mio. US-Dollar. Zwar ging der Quartalsverlust auch auf eine Abschreibung in Höhe von 328 Millionen Dollar aufgrund einer buchhalterischen Neubewertung bestimmter Vorzugsaktien zurück, doch haben sich für Shein in letzter Zeit unbestreitbar Hürden aufgetan.
Zu schaffen machen Shein vor allem neue Zollbestimmungen der USA und der EU, die Billiganbieter aus China einbremsen sollen. Die Europäische Union erhebt seit 1. Juli Zölle von drei Euro je Warengruppe für E-Commerce-Sendungen aus dem Ausland. Die USA hatten bereits im vergangenen Jahr die Zollfreiheit für billige Warensendungen gekippt, was Shein zu aufwendiger Lagerhaltung in den USA zwingt.
Das Problem für Shein ist das eigene Geschäftsmodell. Die Kleidungsstücke von Shein sind unverhältnismäßig günstig, eine Statistiksoftware erkennt in Echtzeit, wenn ein Produkt auf der App der Marke oder in den sozialen Netzwerken Aufmerksamkeit erregt. Unternehmen entlang der Lieferkette sind in den Datenfluss eingebunden und fahren entsprechend die Produktion hoch. Dadurch liegt der Anteil unverkaufter Ware nach eigenen Angaben durchgängig im niedrigen einstelligen Prozentbereich.
Gleichzeitig ist die Gewinnmarge relativ empfindlich gegenüber zusätzlichen Kosten. Wenn beispielsweise ein Kleid nur wenige Dollar kostet und plötzlich zusätzliche Importkosten entstehen, kann das einen erheblichen Teil der ursprünglichen Gewinnspanne auffressen. Shein versucht deshalb, die Preise in den USA zu erhöhen, um einen Teil der zusätzlichen Kosten an die Kundinnen und Kunden weiterzugeben. Das birgt allerdings das Risiko, die auf Billigstpreise getrimmten Käufer zu vergraulen.
Der Vorstand von Shein versuchte in Präsentationen vor dem Börsengang, potenzielle Anleger zu überzeugen, dass die neuen Zölle nur zu einer vorübergehenden Wachstumsdelle führen würden. Fachleute zweifeln aber an dieser Darstellung.
Shein könnte zwar versuchen, neue Produktbereiche abseits der Billigmode zu erschließen, doch sei es unwahrscheinlich, dass das Unternehmen das außergewöhnliche Wachstum seiner Anfangszeit wieder erreichen werde, sagte Neil Saunders, Geschäftsführer des Marktforschungsunternehmens GlobalData Retail. "Es gibt keine vorgezeichnete Lösung für das nachlassende Wachstum", sagte auch Juozas Kaziukenas, Analyst für die E-Commerce-Branche. "Der Markt ist für das Unternehmen inzwischen deutlich schwieriger geworden."
Angesichts der bereits seit 2025 rückläufigen Umsätze in den USA und des sich aufgrund der Zolländerungen verlangsamenden Wachstums in Europa sagte Kaziukenas, dass die Umsätze in diesen beiden Märkten, die zusammen mehr als 50 Prozent des weltweiten Gesamtumsatzes von Shein ausmachen, kurzfristig wahrscheinlich stagnieren würden. "Die kurzfristige Zukunft von Shein wird in den Ländern des ‚Restes der Welt' liegen, nicht in Europa oder den USA", sagte Kaziukenas.
Druck auf Shein übt auch die wachsende Konkurrenz aus. Temu etwa verfolgt teilweise ein ähnliches Konzept: extrem niedrige Preise, viele Produkte, chinesische Lieferketten und direkte Verkäufe an westliche Konsumenten. Hinzu kommen höhere Transportkosten und strengere Vorschriften in verschiedenen Märkten, vor allem in der EU. Die Kommission hat im Februar 2026 ein förmliches Verfahren gegen Shein nach dem Digital Services Act (DSA) eröffnet.
Im Fokus stehen der Verkauf illegaler Produkte, darunter Sexpuppen mit kindlichem Aussehen, Waffen und Medikamente, mangelnde Transparenz der Empfehlungsalgorithmen und suchtförderndes App-Design: Die Kundschaft erhält Punkte, wenn sie die App einmal täglich öffnet oder Bewertungen schreibt. Diese Punkte lassen sich später in Gutscheine umtauschen. Zudem steht Shein wegen miserabler Arbeitsbedingungen und des Einsatzes von gefährlichen Chemikalien in seinen Produkten in der Kritik.
Von einem Kollaps ist Shein trotz des Gegenwindes weit entfernt, vielmehr steht es an einem Wendepunkt: Das Geschäftsmodell, das seinen Aufstieg zu einem der wertvollsten Modeunternehmen der Welt gemacht hat, funktioniert unter den neuen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen nicht mehr wie früher. Nun müssen Investoren und Investorinnen überzeugt werden, dass es trotz höherer Kosten und stärkerer Regulierung weiter wachsen und den Unkenrufen trotzen kann. Der Börsengang in Hongkong wird die Richtung weisen.