Wie Städte gegen Hitze aufrüsten
Die Zahl der Hitzetage in Niederösterreich steigt deutlich. Gemeinden reagieren mit Entsiegelung, Bäumen, Brunnen und neuen Grünflächen. Am Beispiel Wiener Neudorf (Bezirk Mödling) zeigt sich, wie schwierig und langfristig solche Umbauten sind.
Niederösterreich steckt mitten in einer außergewöhnlichen Hitzewelle. In vielen Regionen steigen die Temperaturen derzeit auf mehr als 35 Grad. Die Hitze wird dabei immer stärker auch zu einem Gesundheitsrisiko.
Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) schätzt für den heurigen Juni österreichweit 395 hitzeassoziierte Todesfälle. Das ist laut Gesundheitsministerium der höchste Juni-Wert in den vergleichbaren Auswertungen seit 2017 – mehr dazu in Knapp 400 Hitzetote allein im Juni (news.ORF.at; 1.8.2026).
Auch die langfristige Entwicklung zeigt klar nach oben. Laut der GeoSphere Austria gab es in Niederösterreich unter 600 Meter Seehöhe in der Klimaperiode 1961 bis 1990 im Schnitt sechs Hitzetage pro Jahr. In der Periode 1991 bis 2020 waren es bereits 15, in den vergangenen zehn Jahren 22.
Für den Raum Wiener Neudorf und Mödling nennt die GeoSphere die Wetterstation Gumpoldskirchen (Bezirk Mödling) als beste Referenz. Dort stieg die Zahl der Hitzetage von 10,9 in der Klimaperiode 1961 bis 1990 auf 20,3 in der Periode 1991 bis 2020. In den vergangenen zehn Jahren waren es im Schnitt bereits 30 Hitzetage pro Jahr.
Wie Gemeinden auf diese Entwicklung reagieren können, zeigt sich am Lindheimplatz in Wiener Neudorf. Wo früher ein Parkplatz und viel Asphalt waren, gibt es heute einen Platz mit Spielplatz, Wasserspiel, Grünflächen, Bäumen, Kaffeehaus und Zugang zur Badner Bahn.
Beim Umbau wurden laut Gemeinde 2.500 Quadratmeter Asphalt und 350 Quadratmeter Gebäudefläche entfernt. Entstanden sind 1.300 Quadratmeter neue Grünflächen, 32 Bäume, 26 Obstgehölze, 30 Weinstöcke und ein 500 Quadratmeter großer Spielplatz.
Bürgermeister Herbert Janschka beschreibt den früheren Zustand gegenüber noe.ORF.at deutlich: "Früher war hier mehr oder weniger eine Betonwüste. Es war ein Parkplatz. Mehr war das nicht." Heute sei der Lindheimplatz ein zentraler Treffpunkt im Ort. Die Station der Badner Bahn, Busverbindungen, das Kulturzentrum und mehrere Betriebe machen den Platz zu einem wichtigen Knotenpunkt.
Die Umgestaltung sei auch ein bewusster Schritt gegen die Hitze gewesen, so Janschka. Die Gemeinde habe ein "sehr hohes Entsiegelungsbudget" geschaffen, das auch für die kommenden Jahre fortgeschrieben sei. Asphaltflächen, auch bei Parkplätzen, sollen schrittweise aufgebrochen und anders gestaltet werden.
Beim Lokalaugenschein von noe.ORF.at am Samstag hatte es um die Mittagszeit rund 35 Grad. Am Platz selbst war wenig los, im Schatten des Kaffeehauses saßen aber mehrere Gäste. Einzelne Kinder spielten beim Wasserbrunnen.
Dass die jungen Bäume noch wenig Schatten spenden, räumt auch der Bürgermeister ein: "Die Bäume sind noch nicht so hoch. Aber ich hoffe doch, in ein paar Jahren werden das richtige Schattenspender sein und dann wird dieser Platz auch hoffentlich eine Kühlzone sein."
Die Pflege der neuen Grünflächen ist für die Gemeinde eine zusätzliche Aufgabe. Derzeit gebe es in Wiener Neudorf noch kein Trinkwasserproblem, sagte Janschka. In vielen anderen Gemeinden sei das aber bereits anders, und auch Wiener Neudorf müsse sich darauf einstellen. Rasenflächen ohne Bewässerungsanlagen würden derzeit nicht bewässert, Bäume und Sträucher versuche man aber zu erhalten.
Aus Sicht von Tino Blondiau, Leiter des Bereichs Klima bei der Energie- und Umweltagentur Niederösterreich (eNu), ist gerade dieser langfristige Blick entscheidend. Versiegelte Ortszentren würden sich "wie ein Backofen" aufheizen. Asphalt und Beton speichern die Hitze und geben sie vor allem in der Nacht wieder an die Luft ab.
Gegen Hitze helfe nicht eine einzelne Maßnahme, sondern eine Kombination, so Blondiau: Schatten, Bäume, Grünflächen, offene Böden und Wasserspeicherung. Besonders wichtig sei, ehemals asphaltierte oder betonierte Flächen wieder zu öffnen. Dadurch könne Regenwasser im Boden gespeichert werden. Es stehe dann Pflanzen zur Verfügung und könne über Verdunstung die Umgebung kühlen.
Die GeoSphere Austria bestätigt diese fachliche Einordnung. Gebäude und versiegelte Flächen speichern Sonnenstrahlung und geben Wärme in der Nacht nur langsam wieder ab. Versiegelte Oberflächen verhindern zudem, dass Regenwasser in den Boden gelangt. Dadurch fehlt Verdunstungskühlung. Fehlende nächtliche Abkühlung sei besonders belastend, weil sich der Körper nicht ausreichend erholen könne.
Entsiegelung, zusätzliche Bäume, Beschattung, Wasserspeicherung und Frischluftkorridore seien aus klimatologischer Sicht geeignet, die Hitzebelastung im öffentlichen Raum zu reduzieren, heißt es von der GeoSphere. Bei Bäumen sei allerdings zu beachten, dass neu gepflanzte Bäume oft erst nach einigen Jahren ihr volles Potenzial entfalten. Standort und Baumartenwahl seien entscheidend.
Der Umbau von Ortszentren ist aber nicht konfliktfrei. In Wiener Neudorf wurden Straßen verschmälert und Flächen neu verteilt. Janschka sagt, jede neu gestaltete Straße werde in der Gemeinde mit Grünflächen versehen. Am Anfang sei das mit Diskussionen verbunden gewesen, mittlerweile werde es von der Bevölkerung gut angenommen.
Auch Blondiau sieht die Flächenfrage als zentrale Herausforderung. Gemeinden müssten zwischen Autos, Parkplätzen, Grünflächen, Fußgängern und Radfahrern abwägen. Ein Kompromiss seien etwa entsiegelte Parkplätze oder Pflasterflächen mit offenen Fugen, bei denen Wasser in den Boden gelangen könne.
Auf dem Lindheimplatz selbst fällt die Bilanz der befragten Passantinnen überwiegend positiv aus. Eine Besucherin aus Mödling sagt, der Platz sei bei Hitze "super wichtig". Ihre Tochter könne spielen, ins Wasser gehen und sich abkühlen. Eine andere Besucherin meint, es brauche "mehr solcher Plätze", weil man sich bei großer Hitze "fast gar nicht mehr aus dem Haus" traue.
Auch andere Städte und Gemeinden in Niederösterreich setzen auf Begrünung und Entsiegelung. Über den NÖ Bodenbonus wurden laut Energie- und Umweltagentur in den ersten drei Jahren 27 Projekte mit insgesamt 2,8 Millionen Euro von Land und Bund gefördert. Aktuell gibt es laut eNu 45 eingereichte Entsiegelungs- und Schwammstadtprojekte in Niederösterreich, darunter Projekte in St. Pölten, Tulln, Amstetten, Bad Vöslau (Bezirk Baden), Laxenburg (Bezirk Mödling) und Zwentendorf (Bezirk Tulln).
Greenpeace hat zudem mit Copernicus-Satellitendaten die Zentren von 80 österreichischen Städten ab 10.000 Einwohnerinnen und Einwohnern analysiert. In Niederösterreich liegen demnach Bad Vöslau, Ebreichsdorf (Bezirk Baden), Klosterneuburg (Bezirk Tulln), Groß-Enzersdorf (Bezirk Gänserndorf), Tulln, Perchtoldsdorf (Bezirk Mödling) und Gerasdorf bei Wien (Bezirk Korneuburg) bei rund 45 Prozent Grünanteil im Zentrum oder darüber. St. Pölten liegt laut der Auswertung bei 25,3 Prozent, Wiener Neustadt bei 34,4 Prozent.
Im Landeshauptstadt-Ranking liegt St. Pölten damit an vorletzter Stelle. Seitens der Stadt wurde die Methodik der Analyse von Greenpeace kritisiert. Eine isolierte Betrachtung dieser Widmungskategorie greife aus Sicht der Stadt St. Pölten zu kurz, hieß es aus dem Rathaus.
Wiener Neudorf selbst kommt in dieser Greenpeace-Auswertung nicht vor, weil die Gemeinde knapp unter 10.000 Einwohnerinnen und Einwohner hat. Das Beispiel zeigt aber, wie der Umbau eines öffentlichen Raums konkret aussehen kann. Für Blondiau ist die wichtigste Maßnahme gegen Hitze auf öffentlichen Plätzen klar: "Entsiegeln, den Boden öffnen und beschatten, das heißt mit Bäumen."