Notverkauf: "KI-Wunderkind" liefert Hedgefondsdebakel
Der in den vergangenen Jahren viel zitierte KI-Boom zeigt immer wieder seine Schattenseiten. Nun erlitt ein sehr prominenter deutscher Hedgefondsmanager Verluste: Das von vielen US-Medien so getaufte einstige "Wunderkind unter den KI-Investoren", Leopold Aschenbrenner, musste nach schiefgegangenen Wetten auf Chipaktien nahezu den gesamten Bestand seines Hedgefonds Situational Awareness ("Situationsbewusstsein") veräußern.
Laut einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht des US-Senders CNBC musste der Hedgefonds Situational Awareness nach hohen Verlusten bei Anteilen von Unternehmen, die Technologie für künstliche Intelligenz herstellen, zahlreiche Positionen veräußern.
Zu den Beteiligungen gehörte etwa der südkoreanische Chiphersteller SK Hynix, dessen Aktie in dieser Woche trotz großen Gewinnzuwachses zeitweise bis zu 20 Prozent einbüßte. Ein Auslöser für den Ausverkauf der Chipaktien in dieser Woche dürfte ein Bericht über einen möglichen chinesischen Technologiesprung bei Maschinen für die Chipproduktion gewesen sein. Auch ein "Wall Street Journal"-Bericht sorgte für Bewegung an den Märkten. Demnach plant Nvidia eine Bürgschaft von rund 250 Milliarden Dollar für OpenAI.
Die Erwartungen des Marktes könnten zu hoch gewesen sein: Der Einbruch sei auf "phänomenale Kursanstiege" in den letzten Monaten gefolgt, sagte die Analystin Jane Sydenham zur BBC. Zudem kauften viele koreanische Anlegerinnen und Anleger auf Kredit, was Korrekturen verstärke.
Laut der "New York Times" musste Situational Awareness aufgrund der Korrektur der Märkte insgesamt Beteiligungen im Wert von über zehn Milliarden Dollar veräußern. Der Hedgefonds hätte so versucht, an ausreichend Bargeld zu kommen, um die Margenanforderung zu erfüllen.
Die Margenanforderung ist eine Sicherheitsleistung, die ein Hedgefonds bei seinen Partnerbanken hinterlegen muss, um weiter mit geliehenem Geld spekulieren zu können. Läuft eine Spekulation nicht wie gewünscht und verliert diese schnell an Wert, schrumpft der Wert der hinterlegten Sicherheiten. Wird dabei ein bestimmter Wert unterschritten, fordert die Partnerbank sofort frisches Geld nach ("Margin Call").
Um dieses frische Geld zu erhalten und mögliche Löcher zu stopfen, wandte sich der 24-jährige Aschenbrenner an seine Konkurrenten. Laut Berichten von US-Zeitungen fand am Mittwoch eine Auktion statt, die der in diesem Fall als "Weißer Ritter" auftretende Hedgefonds Citadel des Multimilliardärs Ken Griffin gewann. "Weiße Ritter" werden Investmentunternehmen genannt, die angeschlagenen Hedgefonds Vermögenswerte in der Not abnehmen und dafür das dringend nötige Geld liefern.
Berichten zufolge behielt Situational Awareness nur einen kleinen Anteil an unverschuldeten Aktien und privaten Beteiligungen. Laut einer von der "Financial Times" interviewten beteiligten Person sei die entscheidende Frage in diesem Fall aber nicht, wie genau der Deal mit Citadel ablief. Entscheidender sei, wie überhaupt "jemand so viel Geld an einen jungen Menschen ohne eigene Erfahrung und ohne Infrastruktur verleihen konnte".
Dabei sei der schnelle Wertverlust von Situational Awareness eine "altbekannte Geschichte", schrieb die US-Zeitung. Silicon Valley und die Wall Street setzten immer wieder auf einen "optimistischen, aber unerfahrenen Investor, der verspricht, dass diesmal alles anders sei". "Es passiert immer wieder", zitierte die "Financial Times" einen anonymen Hedgefondsmanager. Jeder sei auf der Suche nach dem nächsten "Wunderkind".
Geht es nach den Wall-Street-Investorinnen und -Investoren, sollte Aschenbrenner trotz fehlender Erfahrung als Investor diese Rolle zukommen. Der Deutsche schloss bereits mit 19 Jahren als Jahrgangsbester an der Columbia University in Wirtschaftswissenschaften, Mathematik und Statistik ab. Daraufhin arbeitete er kurzzeitig für den FTX Future Fund, der zum mittlerweile insolventen Unternehmen von Sam Bankman-Fried gehörte.
Ab 2023 war Aschenbrenner unter Ilya Sutskever Teil des "Superalignment"-Teams von OpenAI. Wegen eines angeblichen Datenlecks wurde Aschenbrenner dort 2024 entlassen. Zuvor hatte er vom OpenAI-Vorstand stärkere Sicherheitsmaßnahmen gefordert.
Besonders große Bekanntheit erlangte der Deutsche allerdings erst mit der Veröffentlichung eines 165-seitigen Essays. Der im Jahr 2024 veröffentlichte Text "Situational Awareness" handelte vor allem vom Aufstieg von AGI (Artificial General Intelligence, dt. allgemeine künstliche Intelligenz).
In dem Essay wurden die Risiken für die Menschheit und der mögliche Umgang mit "superintelligenten" Maschinen beschrieben. Aschenbrenner warnte außerdem vor einem KI-Wettrüsten mit anderen Ländern. Auch deswegen erlangte der Essay schnell Aufmerksamkeit.
Aschenbrenners Thesen wurden wissenschaftlich untersucht und infrage gestellt. Die neu gewonnene Bekanntheit nutzte er, um Geld für den gleichnamigen Hedgefonds einzuwerben. Finanzielle Unterstützung kam etwa vom Finanzdienstleister Jane Street und dem Ex-GitHub-Chef Nat Friedman.
Bereits 2025 verwaltete der auf KI spezialisierte Hedgefonds über 1,5 Milliarden Dollar. Erst vor wenigen Wochen wurde das verwaltete Vermögen auf 20 Milliarden US-Dollar geschätzt. Parallel zum finanziellen Erfolg vergrößerte Aschenbrenner seine Bekanntheit im Netz und trat etwa vermehrt in Podcasts auf.
Nach der Korrektur der Chipaktien und der Veräußerung zahlreicher Positionen des Hedgefonds von Aschenbrenner verzeichneten die technologielastigen asiatischen Aktienmärkte am Freitag wieder große Gewinne. Zeitweise ging es etwa an der südkoreanischen Börse mit fast 18 Prozent nach oben.
Laut dem deutschen Consorsbank-Analysten Jochen Stanzl gibt es Hinweise, dass ein großer Teil der bisherigen Kursverluste an der südkoreanischen Börse "auf die Auflösung gehebelter Positionen von Privatanlegern und spekulativen Hedgefonds zurückzuführen ist". "Ob der Markt nun bereinigt und damit in der Lage ist, einen neuen Boden auszubilden, muss sich erst noch erweisen", so der Analyst.
Die hohe Schwankung an der südkoreanischen Börse hätte dazu geführt, dass der Handelsplatz als "Squid-Game-Markt" bezeichnet werde, schrieb das "Wall Street Journal" dazu. Dabei wird auf die südkoreanische Survival-Thriller-Serie "Squid Game" angespielt, in der die Protagonisten auch zu Gewalt greifen und ihr Leben riskieren, um den Wettbewerb zu gewinnen und dadurch an viel Geld zu kommen.
Die südkoreanischen Regulierungsbehörden versuchen bereits, den starken Schwankungen entgegenzuwirken. So wurde die Notierung von gehebelten ETFs, also von Indexfonds, die die Rendite und das Risiko künstlich verstärken, vorübergehend ausgesetzt. Fachleute gehen gegenüber der "Washington Post" aber davon aus, dass die Volatilität der südkoreanischen Märkte trotzdem hoch bleibt. Dabei trifft es wohl weiterhin vor allem Hochrisikoinvestments mit geliehenem Geld.