Kiew, Slowjansk: Viele Tote nach russischen Angriffen
Russland und die Ukraine haben einander erneut mit Angriffen überzogen: Erst nahm die Ukraine in der Nacht auf Freitag mit Hunderten Drohnen den größten russischen Onlineversandhändler Wildberries sowie ein Rüstungsunternehmen ins Visier. Am Vormittag griff Russland dann mehrere Ziele in der Ukraine an: Im Umland der Hauptstadt Kiew sowie in der ostukrainischen Stadt Slowjansk wurden ukrainischen Angaben zufolge mindestens 15 Menschen getötet.
Im Großraum Kiew traf der Angriff mit einer ballistischen Rakete ein Gelände, auf dem eine Veranstaltung der Rüstungsindustrie stattfand, wie ukrainische Behörden und Branchenvertreter mitteilten. Laut der ukrainischen Nachrichtenagentur Ukrinform wurden zehn Menschen getötet und fast 100 verletzt.
Dem kommissarischen Gouverneur der Region Kiew, Ruslan Olijnyk, zufolge traf die Rakete ein privates Übungsgelände, auf dem Veranstaltungen stattfanden. Der ukrainische Branchenverband Rat der Rüstungsindustrie teilte mit, dass Vertreter der Branche an Ort und Stelle gewesen seien. Der Verband sei jedoch nicht der Organisator der Veranstaltung gewesen. Zudem seien Informationen über den genauen Aufenthaltsort der Teilnehmer im Vorfeld nicht veröffentlicht worden.
Walerij Borowyk, der Gründer des ukrainischen Drohnenherstellers First Contact, sagte gegenüber Medien, die Rakete habe ein Übungsgelände getroffen, auf dem eine Rüstungsmesse veranstaltet worden sei. Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko teilte mit, es sei ein Verfahren wegen des Verdachts auf Amtspflichtverletzung bei der Organisation und Ausrichtung der Veranstaltung eingeleitet worden.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach zuvor von mindestens sechs Toten im Großraum Kiew. Russland habe mindestens zehn ballistische Raketen auf die Stadt abgefeuert, zudem Lenkwaffen vom Typ Zirkon, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur UNIAN.
In der ostukrainischen Stadt Slowjansk wurden laut Angaben des Gouverneurs der Region Donezk, Wadym Filaschkin, bei einem Angriff mit Gleitbomben mindestens fünf Menschen getötet und weitere neun verletzt. Seinen Angaben nach wurden zehn private Wohnhäuser beschädigt, zudem eine Fabrik und das Gebäude des lettischen Honorarkonsuls in der Stadt. Bereits am späten Donnerstag verletzte das russische Militär mit Bombenabwürfen mehr als ein Dutzend Zivilisten in Slowjansk.
Russland meldete außerdem den Beschuss von drei ukrainischen Häfen, zwei am Schwarzen Meer und einen an der Donau. Die Streitkräfte hätten mit luftgestützten Raketen und Krampfdrohnen die Häfen von Odessa, Mykolajiw und Ismajil angegriffen, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Unabhängig überprüfen lassen sich solche Angaben zum Kampfgeschehen nicht.
Der ukrainische Stromversorger Ukrenerho meldete Schäden an Energieanlagen in fünf anderen Regionen infolge russischer Angriffe. Getroffen worden seien Objekte in den Gebieten Tschernihiw, Charkiw, Donezk, Dnipropetrowsk und Saporischschja, hieß es in einer Mitteilung. In der nordukrainischen Stadt Tschernihiw und dem umliegenden Bezirk waren rund 150.000 Menschen ohne Strom. Die russischen Streitkräfte greifen immer wieder die Energieversorgung und andere Infrastruktureinrichtungen in der Ukraine an.
Russland meldete wiederum sechs Tote und 26 Verletzte infolge eines ukrainischen Angriffs in der Oblast Kirow. Selenskyj sprach kurz zuvor von einem Angriff auf ein russisches Rüstungsunternehmen in Kirow. Die Firma liefere Komponenten für Flugzeuge und Raketensysteme, die bei Angriffen auf sein Land eingesetzt würden, teilte Selenskyj auf Telegram mit. Kirow liegt weit im russischen Hinterland.
Auch eine Ölanlage in fast 1.350 Kilometer Entfernung sowie Logistikstandorte in Russland seien beschossen worden, sagte Selenskyj.
Der Gouverneur des Gebiets um die Millionenmetropole St. Petersburg, Alexander Drosdenko, schrieb am Donnerstag auf Telegram von 59 abgewehrten Drohnen. Infolge der Angriffe sei ein Brand auf dem Gelände des Onlineversandhändlers Wildberries im Dorf Nowossaratowka ausgebrochen. Drei Menschen seien verletzt worden. Auch ein Lager einer Geflügelfabrik in der Siedlung Sinjawino sei schwer beschädigt worden, berichtete der Gouverneur. Im Raum St. Petersburg waren große Rauchsäulen zu sehen.
Wildberries-Gründerin Tatjana Kim teilte auf Telegram mit, dass in St. Petersburg, dem Umland und auf der von Russland annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim drei Logistikzentren des Unternehmens angegriffen worden seien. Sie schrieb, dass es keine Verletzten gebe und ein Teil der Flächen und Waren gesichert werden konnte. Die Ukraine hatte bereits in den vergangenen Tagen mehrfach Lager des größten russischen Onlineversandhändlers getroffen.
Der von Moskau eingesetzte Krim-Chef Sergej Axjonow schrieb auf Telegram von zwei Toten infolge ukrainischer Angriffe. Fünf Menschen seien verletzt worden. Die Ukraine verteidigt sich mit westlicher Hilfe seit mehr als vier Jahren gegen die russische Invasion. Seit Monaten hat sie ihre Gegenangriffe auf russisches Gebiet vor allem mit Drohnen stark ausgeweitet.
Diplomatische Bemühungen verliefen bisher im Sand. Am Dienstag soll es laut US-Angaben zu einem Treffen von US-Präsident Donald Trump und Selenskyj in Washington kommen. Russlands Außenminister Sergej Lawrow betonte indes die Entschlossenheit Moskaus zur Durchsetzung seiner Kriegsziele, notfalls auch gegen den Willen der US-Regierung. Washington habe offenbar seine Haltung bezüglich der zwischen Kreml-Chef Wladimir Putin und US-Präsident Trump in Alaska getroffenen Vereinbarungen geändert, sagte Lawrow am Rande eines Gipfels im zentralasiatischen Kirgistan.
Der russische Chefdiplomat kommentierte in Bischkek die Worte seines US-Kollegen Marco Rubio, der den Gipfel in Anchorage 2025 zwischen Trump und Putin als gescheitert bezeichnete und neue Wege für eine diplomatische Lösung forderte.
Konkrete Ergebnisse waren nach dem Alaska-Gipfel im vergangenen Jahr nicht bekanntgeworden. Trump hatte das Treffen aber als großen Erfolg und Kompromiss gelobt. Putin rückte freilich anschließend von keiner seiner Forderungen zur Beendigung des von ihm 2022 begonnenen Krieges ab. So beansprucht Moskau etwa weiterhin das Recht zur Besetzung ukrainischer Gebiete, die das russische Militär in knapp viereinhalb Jahren nicht erobern konnte.