Angriffe auf Logistik: Ukraine setzt Russland weiter unter Druck
Die ukrainischen Angriffe auf Ölraffinerien im russischen Hinterland haben Moskau zuletzt zunehmend unter Druck gebracht. Drohnenangriffe auf Logistikzentren im Westen Russlands, hinter denen Kiew eine Nutzung zur Drohnenproduktion vermutet, haben zudem mehrere Tote gefordert, wie die dortigen Gouverneure am Samstag mitteilten. Laut Robert Browdi, dem Chef der ukrainischen Drohnentruppen, führten vermehrte Angriffe auf russische Schiffe zudem dazu, dass Moskau Einheiten von der Front verlegte.
Eigenen Angaben zufolge haben die ukrainischen Drohnentruppen 13 russische Schiffe getroffen. Damit steige die Gesamtzahl der im Schwarzen Meer und im benachbarten Asowschen Meer beschossenen Schiffe auf 172, teilte Browdi am Samstag in sozialen Netzwerken mit.
In der Nacht auf Samstag seien acht Frachter, ein Tanker, ein Gastransportschiff, ein Schlepper und zwei Schwimmkräne getroffen worden. Die Angaben waren nicht unabhängig überprüfbar. Die Ukraine will mit den Gegenangriffen im russischen Angriffskrieg Moskaus militärische Logistik stören.
Nach Darstellung Browdis führt die seit Wochen andauernde "Flottenjagd" auf russische Schiffe inzwischen dazu, dass Moskau seine Drohneneinheiten der Rubikon-Elitetruppen teils von der Front abziehe und verlagere, um so besser den Schiffverkehr zu schützen. Das schwäche den Gegner an der Front, betonte er.
"Neben den Rubikon-Einheiten, die teilweise von der Frontlinie abgezogen werden, werden auch die Kräfte und Mittel der gesamten 51. Luftabwehrdivision sowie eines Flugabwehrregiments der Überreste der Schwarzmeer-Flotte eingesetzt", teilte Browdi zum russischen Vorgehen mit.
Browdi kündigte an, die Operation gegen russische Schiffe an den verbleibenden Juli-Tagen und in der ersten August-Hälfte fortzusetzen. "Moskau wird untergehen", schrieb er weiter. Die stark von den ukrainischen Schlägen betroffene Schwarzmeer-Halbinsel Krim, die Russland schon 2014 annektiert hatte, werde später wieder aufgebaut, erklärte er.
Eine Bestätigung von russischer oder unabhängiger Seite für eine angebliche Verlegung russischer Drohneneinheiten gab es nicht. Unklar war auch, was ein derartiger Schritt für die Lage an der Front bedeuten würde, wo es wegen der gegenseitigen Belauerung mit Drohnen seit Monaten kaum Bewegung der Bodentruppen auf dem Schlachtfeld gibt.
Bei ukrainischen Drohnenangriffen in Russland wurden nach Behördenangaben unterdessen mindestens acht Menschen getötet und Dutzende verletzt. Im Gebiet Tambow starben sieben Menschen, teilte Gouverneur Jewgeni Perwyschow auf Telegram mit. Es gebe zudem Dutzende Verletzte.
Bei den Opfern handle es sich um Mitarbeiter eines Verteilzentrums des russischen Onlineversandhändlers Wildberries. Die getroffene Stadt Kotowsk liegt rund 500 Autokilometer südöstlich der Hauptstadt Moskau.
Im Moskauer Gebiet gab es laut Behörden zudem mindestens einen Toten sowie ebenfalls Dutzende Verletzte durch ukrainische Drohnenangriffe. Das Ermittlungskomitee warf den ukrainischen Streitkräften Terroranschläge gegen zivile Einrichtungen vor. Die Behörde leitete ein Strafverfahren ein.
Rund um Moskau sei ebenfalls ein Lager von Wildberries getroffen worden, teilte das Unternehmen mit. In der Stadt Elektrostal – rund 50 Kilometer östlich von Moskau – seien rund 40 Menschen verletzt worden, davon einige schwer, teilte Gouverneur Andrej Worobjow mit. Ein Verletzter sei dort gestorben.
Trümmer einer abgeschossenen Drohne hätten außerdem einen Kindergarten getroffen, sagte Worobjow, der ein Foto von dem beschädigten Gebäude veröffentlichte. Ein Feuer dort sei gelöscht worden, verletzt sei niemand worden.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj veröffentlichte auf Telegram ein Video, auf dem schwarze Rauchsäulen am blauen Himmel zu sehen sind sowie eine fliegende Drohne und Feuer. Getroffen worden seien die beiden wichtigen Logistikzentren in den Gebieten Moskau und Tambow, 500 und 700 Kilometer von der ukrainischen Frontlinie entfernt, sagte er.
In den Zentren seien mit westlichen Sanktionen belegte Bauteile für Drohnen und Navigationsausrüstung gelagert gewesen, behauptete er. Bei den Angriffen handle es sich um eine Antwort auf die russischen Angriffe gegen ukrainische Infrastruktur, sagte Selenskyj. Die Drohneneinheiten hätten zudem russische Schiffe im Schwarzen Meer und im benachbarten Asowschen Meer angegriffen.
In dem Gebiet um die russische Hauptstadt sei außerdem in der Stadt Noginsk auf dem Gelände eines Öldepots ein Brand ausgebrochen, sagte Worobjow. Dort sei aus Sicherheitsgründen auch eine Geburtsklinik evakuiert worden. Die Frauen seien in anderen medizinischen Einrichtungen untergekommen, sagte der Gouverneur. In Noginsk sei ebenfalls ein Wohnblock evakuiert worden. Nach Angaben von Worobjow gab es in der Stadt auch zwei Verletzte.
Der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin teilte mit, dass zwischen Freitagabend (20.30 Uhr Ortszeit) und Samstagfrüh (8.30 Uhr) insgesamt 1.892 ukrainische Drohnen in Richtung der russischen Hauptstadt geflogen seien. Die meisten seien abgeschossen worden. Die Angaben waren von unabhängiger Seite nicht überprüfbar.
Bei einem russischen Angriff auf den Hafen der ukrainischen Schwarzmeer-Stadt Odessa ist laut Behördenangaben unterdessen ein Mensch getötet worden. Drei Menschen seien verletzt worden, teilte der Regionalgouverneur Oleh Kiper auf Telegram mit. Bei dem Angriff sei ein Schiff unter der Flagge von Antigua und Barbuda getroffen worden. Hafeneinrichtungen wie Gebäude, Lagertanks und Lagerhäuser seien beschädigt worden.
Das russische Verteidigungsministerium wiederum berichtete am Samstag, dass Hafeninfrastruktur und zwei für den Transport von Waffen genutzte Frachtschiffe beschossen und getroffen worden seien. Auch diese Angaben waren von unabhängiger Seite nicht überprüfbar. Die Kriegsparteien veröffentlichten zudem nicht verifizierte Videos ihrer Operationen.