FIFA WM 2026: Wie kleine Inseln eine Rivalität prägen
Österreich gegen Deutschland, Rapid gegen Austria oder Kapfenberg gegen Simmering: Gesunde Rivalitäten im Fußball sind gang und gäbe. Eine der größten und erbittertsten erlebt am Mittwoch (21.00 Uhr, live in ServusTV) im Semifinale der WM 2026 eine Neuauflage. Denn Argentinien gegen England ist seit Jahrzehnten mehr als nur ein Fußballspiel. Grund für die auf den Rasen übertragene Feindschaft, in der sogar einmal die "Hand Gottes" eine wichtige Rolle spielte, ist ein Disput über ein paar kleine Inseln im Atlantik.
Am 2. April 1982 – und damit lange bevor auch nur irgendein Spieler in den aktuellen Kadern von Argentinien und England geboren war – besetzten Einheiten der argentinischen Militärjunta die vor der Südspitze Südamerikas gelegenen Falklandinseln, seit 1833 britisches Überseegebiet. Margaret Thatcher wurde ihrem Spitznamen "Eiserne Lady" gerecht und ließ den Affront nicht auf sich sitzen. Die britische Premierministerin schickte Dutzende Kriegsschiffe in den Südatlantik. Als Falklandkrieg ging die Auseinandersetzung in die Geschichte ein.
Der bewaffnete Konflikt war zwar kurz – nach knapp drei Monaten unterzeichnete der argentinische General Mario Menendez die Kapitulationsurkunde –, aber blutig. Rund 1.000 Soldaten, davon mehrheitlich Argentinier, verloren ihr Leben. Vor allem die Versenkung eines argentinischen Kriegsschiffes, bei der über 300 Mann ihr Leben verloren, sorgt noch heute für Diskussionen. Das Klima zwischen den beiden Nationen bleibt angespannt. Erst seit 1989 treffen sich Argentinien und England wieder auf dem diplomatischen Parkett.
Besonders in Argentinien sitzt der Stachel nach der misslungenen Rückeroberung der "Malvinas", wie sie auf Spanisch heißen, noch immer tief – obwohl die militärische Niederlage 1983 zum Ende der jahrelangen brutalen Diktatur führte. Das Thema Falkland schwingt bei jedem Fußballspiel gegen England mit. Sogar das aktuelle Team rund um Lionel Messi feierte den Aufstieg ins Halbfinale gegen Harry Kane und Co. mit Gesängen, die Revanche für den vor über 40 Jahren verlorenen Krieg versprechen.
Dabei begann die sportliche Rivalität bereits 1966, als England die "Albiceleste" auf dem Weg zum bis dato einzigen WM-Titel im Viertelfinale aus dem Turnier warf. Beim 1:0-Siegestreffer durch Geoff Hurst protestierten die Argentinier beim deutschen Referee Rudolf Kreitlein vergeblich wegen einer angeblichen Abseitsstellung. In Erinnerung blieb der Wutausbruch von Kapitän Antonio Rattin, der sich nach zwei mündlichen Verwarnungen weigerte, das Feld zu verlassen – mehr dazu in "Urvater" der Roten Karte ist tot.
Die Revanche für das Aus nahm Argentinien 1986 ebenfalls im WM-Viertelfinale. Diego Maradona schoss die Engländer damals auf dem Weg zum Titel beim 2:1-Erfolg praktisch im Alleingang k. o., sein Solo zum zwischenzeitlichen 2:0 aus der eigenen Hälfte wurde später zum WM-Tor des Jahrhunderts gewählt. Eine größere Genugtuung für den 2020 verstorbenen Jahrhunderttorschützen war aber das 1:0 kurz davor. Maradona boxte den Ball im Luftkampf mit Goalie Peter Shilton mit der Hand ins Tor und kam damit durch.
Die "Hand Gottes" habe ihn geleitet, schickte der Argentinier später noch Spott in Richtung England hinterher. In seiner Autobiografie verhehlte Maradona nicht, dass der Sieg auch eine Rache für den Falklandkrieg war. "Obwohl wir gesagt hatten, Fußball habe nichts mit dem Krieg zu tun, wussten wir, dass dort viele argentinische Jungs gestorben waren. Abgeschossen wie kleine Vögel. Das war Rache", meinte Maradona. Shilton verzieh seinem Kontrahenten die Frechheit übrigens lange nicht. Erst kurz vor der WM 2026 machte der ehemalige Torhüter seinen Frieden mit der Situation.
Besonders bittere Erinnerungen mit Argentinien verbindet David Beckham. Im WM-Achtelfinale 1998 in Frankreich wurde aus dem umjubelten "Sunnyboy" der am meisten verachtete Fußballer Englands. Was passiert war: Beckham ließ sich in einer heiß umkämpften Partie von Diego Simeone zu einem Revanchefoul provozieren und sah dafür Rot. England schaffte es zwar ins Elfmeterschießen, zog aber dort den Kürzeren. Die Schuld dafür wurde Beckham sogar vom damaligen Teamchef Glen Hoddle zugeschoben.
Für den damals 23-Jährigen begann die schwerste Zeit seiner Karriere. Vor allem der englische Boulevard schoss sich auf den Kicker ein. "Zehn heldenhafte Löwen, ein dummer Junge" titelte der "Daily Mirror" und legte wenige Tage später mit einer Dartscheibe und Beckhams Gesicht darauf nach. In Sachen Geschmacklosigkeit gab es nach unten keine Grenze mehr. Vor einem Pub wurde gar eine Puppe im Beckham-Stil öffentlich gehängt.
Vier Jahre später konnte sich Beckham wenigstens sportlich revanchieren. Der Mann mit der perfekten Freistoßtechnik schoss die Engländer nicht nur in letzter Sekunde zum Turnier nach Südkorea und Japan, sondern wurde dort auch zum Matchwinner im Gruppenspiel gegen Argentinien. Mit einem wuchtigen Elfmeter besiegte Beckham nicht nur die Geister der Vergangenheit, sondern sorgte auch dafür, dass die Argentinier in der Vorrunde auf der Strecke blieben.
40 Jahre nach Maradonas "Hand Gottes" stehen sich Argentinien und England nun wieder auf der WM-Bühne gegenüber. In Atlanta steht mit dem Ticket für das Finale so viel auf dem Spiel wie noch nie. Zumindest Lionel Scaloni versuchte, nicht zu viel Emotion aufkommen zu lassen. "Es ist ein Fußballspiel, nicht mehr. Punkt", sagte der argentinische Weltmeistertrainer unmittelbar nach dem hart erkämpften 3:1-Viertelfinal-Sieg in der Verlängerung über die Schweiz. "Versuchen wir nicht, etwas anderes daraus zu machen."
Auch Jose Manuel Lopez schlug offiziell in die gleiche Kerbe. "Natürlich ist es außerhalb des Feldes ein Duell, das sehr viel Historie, sehr viel Schmerz mit sich bringt", so der Stürmer, "aber wir sind Profis und wir werden das Spiel wie jedes andere angehen: Wir werden bis zum Schluss kämpfen und alles, was wir haben, auf dem Platz lassen."
So ganz ausgeklammert ist das Thema Falklandinseln aber in der argentinischen Kabine nicht. Denn nach dem Aufstieg ins Semifinale kursiert ein Video im Netz, dass die Spieler beim Singen eines unter den Fans beliebten Schlachtgesanges zeigt. Dort geht es um Revanche für Maradonas Ausschluss nach seinem positiven Dopingtest bei der WM 1994, den Plan, Messi mit seinem zweiten Titel zu verabschieden, und natürlich die Rache für die "Malvinas".