"Unerträglich": Rassismus trübt Fußball-WM
Vor dem Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft zwischen Frankreich und Spanien am Dienstagabend in Dallas gehen die Wogen hoch. Der ehemalige spanische Premierminister Mariano Rajoy von der konservativen Volkspartei (PP) sorgte mit rassistischen Äußerungen über die französische Nationalmannschaft für Empörung. Es war nicht der erste Rassismuseklat bei dieser WM.
Frankreich verfüge über einen "Kader von höchstem Niveau. Allerdings ohne Franzosen", schrieb Rajoy in einem Gastbeitrag für das Onlinemedium El Debate. Die Entrüstung in Spanien und auch in Frankreich war groß. Der amtierende sozialistische Premier Spaniens, Pedro Sanchez, reagierte darauf mit einer Botschaft auf der Plattform X.
"Es gibt Menschen, die Zugehörigkeit immer noch am Nachnamen, am Geburtsort oder an der Hautfarbe bemessen. Andere bemessen sie an der Verbundenheit mit einem Land und dem Willen, zu ihm beizutragen." Spanien gehöre denen, die es lieben und mit Leben erfüllen. "Möge die bessere Mannschaft gewinnen und der Rassismus verlieren", sagte Sanchez mit Blick auf das bevorstehende Match gegen die französische Nationalmannschaft.
Einige Vertreter der spanischen Regierung und führende Politiker linker Parteien in Spanien bezeichneten die Aussagen als "Schande" und verlangten von Rajoy eine Entschuldigung. Weder von Rajoy noch von PP-Chef Alberto Nunez Feijoo gab es bisher eine Reaktion. Die konservative Zeitung "El Mundo" schrieb, dass es aus dem Umfeld von Rajoy hieß, dass er nicht auf die Kritik reagieren werde. Rajoy habe "nicht mit schlechter Absicht" gehandelt.
Außenminister Jose Manuel Albares vermutete, dass Rajoy kein Missgeschick unterlaufen sei, sondern dass die Worte mit Absicht gewählt worden seien, um die Beziehungen zwischen Sanchez und Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron zu torpedieren. Denn die PP blockiert seit 2023 einen bilateralen Freundschaftsvertrag zwischen Spanien und Frankreich.
Sie kritisiert eine Klausel, laut der ein Mitglied der französischen Regierung an Sitzungen des spanischen Kabinetts teilnehmen kann und umgekehrt. Albares: "Die Sabotage der PP wird den Freundschaftsvertrag mit Frankreich nicht verhindern."
Die französische Botschaft in Madrid reagierte mit einer sachlichen Stellungnahme auf Rajoys Gastbeitrag. Von den 26 französischen Spielern seien 23 in Frankreich geboren, auch die drei im Ausland geborenen Mannschaftsmitglieder seien Franzosen. Als "absolut inakzeptabel" bezeichnete Frankreichs Innenminister Laurent Nunez die Aussagen. Das entspreche überhaupt nicht den Werten Frankreichs.
Die französische Ministerin für die Überseegebiete, Naima Moutchou, rief den Französischen Fußballverband auf, sich juristisch zu wehren. Dessen Präsident Philippe Diallo sprach von "unerträglichem Rassismus": "Unsere Spieler brauchen keine Staatsbürgerschaftsurkunden von einem ehemaligen spanischen Ministerpräsidenten." Die französische Beauftragte für die Bekämpfung von Diskriminierung, Aurore Berge, beklagte "wiederholte rassistische Entgleisungen".
Erst vergangene Woche hatte die paraguayische Senatorin Celeste Amarilla de Boccia den französischen Topstar Kylian Mbappe rassistisch beschimpft, nachdem Paraguay im Achtelfinale eine Niederlage gegen Frankreich erlitten hatte. Sie bezeichnete den Stürmer als "kolonisierten Kameruner", der den harten Franzosen spiele, "voller Minderwertigkeitskomplexe, neureich, arrogant und hässlich".
Frankreichs Fußballverband erstattete daraufhin Anzeige gegen die Politikerin. Es wurden Ermittlungen wegen öffentlicher Beleidigung auf rassistischer Grundlage und wegen öffentlicher Aufstachelung zu Hass und Gewalt aufgenommen. Auch Frankreichs Präsident Macron und die UNO schalteten sich ein. FIFA-Chef Gianni Infantino sicherte dem Spieler seinen Rückhalt zu.
Amarilla de Boccia bedauerte einen Teil ihrer Aussagen, forderte aber auch eine Entschuldigung von Mbappe, da sie ihm geschlechtsspezifische Gewalt in seinen Äußerungen über sie vorwarf. Er hatte ihr nach ihren Kommentaren "unverhohlenen Rassismus" vorgeworfen. Sie sei eine "verachtenswerte Frau und ihrer Funktion nicht würdig", so der Fußballspieler. Amarilla de Boccia setzte ihre Angriffe fort. In einer Senatssitzung bezeichnete sie Mbappe als "Hurensohn", nachdem der französische Spieler dem paraguayischen Torwart Orlando Gill einen Handschlag verweigert hatte.
Mbappe ließ sich davon offenbar nicht beeindrucken und fokussierte sich auf die Matches: "Wir spielen mit Leidenschaft", sagte der französische Stürmer. Es gebe nichts Größeres, als sein Land bei einer WM zu vertreten. Rassistische Vorfälle bei dieser WM betreffen aber nicht nur das französische Team.
Spieler mit Migrationsgeschichte auch anderer Nationalmannschaften wie aus der Schweiz, Deutschland und den Niederlanden machten ähnliche Erfahrungen insbesondere mit Hasskommentaren in sozialen Netzwerken. Selbst der Weltverband FIFA stellte Anfang Juli einen zunehmenden Rassismus fest. Elf Prozent aller als beleidigend eingestuften Social-Media-Beiträge im Kontext der WM seien auf eine Art rassistisch. Das seien um drei Prozent mehr als im selben Zeitraum bei der WM in Katar vor vier Jahren. Auch die Spielergewerkschaft FIFPRO beobachtete ein "zunehmendes Muster von Übergriffen".
Auffallend waren nicht nur die zahlreichen Hasskommentare, sondern auch Probleme etwa bei der Einreise für Vertreter bestimmter Ländern. Die USA hätten etwa bei Einreisebeschränkungen "unnötige Hindernisse" aufgestellt, kritisierte das iranische Team. Es sei eine der "katastrophalsten Weltmeisterschaften (...), bei der die grundlegenden Werte des Fußballs durch unzureichende Ausrichtung und unprofessionelle Entscheidungen des Gastgeberlandes geopfert wurden".
Erfahrungen mit Schikanen gerade bei der Einreise machten nicht nur die Iraner. Von Hürden waren auch Spieler, Funktionäre und Fans von Senegal, Usbekistan, Jordanien und Marokko betroffen. Dem somalischen Schiedsrichter Omar Artan wurde die Einreise in die USA ganz verweigert.