Iran: Sohn fehlt bei Chameneis Beisetzung
Zehntausende Iraner haben am Wochenende Abschied von dem getöteten langjährigen Machthaber Ajatollah Ali Chamenei genommen. Sein Sohn und Nachfolger Modschtaba Chamenei fehlte jedoch auch am Sonntag, dem zweiten Tag der offiziellen Trauerfeierlichkeiten in Teheran. Er ist seit dem Tod seines Vaters bei US-israelischen Angriffen am 28. Februar nicht öffentlich in Erscheinung getreten.
Der erzkonservative oberste Führer des Iran, Chamenei, war am ersten Tag des US-israelischen Krieges gegen den Iran, bei einem Angriff auf seine Residenz in Teheran getötet worden. Mit dem 86-Jährigen zusammen wurden mehrere seiner Angehörigen und weitere ranghohe Vertreter der iranischen Führung getötet.
Am Samstag begannen die sechstägigen Trauerfeiern für das De-facto-Staatsoberhaupt des Iran. Chameneis zum Nachfolger ernannter Sohn Modschtaba trat dabei bisher nicht in Erscheinung – so wie in den vergangenen Monaten. Bisher kommunizierte er nur via schriftliche Botschaften, die öffentlich verlesen wurden. Der 56-Jährige wurde vermutlich bei dem Angriff am 28. Februar verletzt, sein Zustand ist seither unklar. Dass er auch bei den Trauerfeiern für seinen Vater und andere Familienmitglieder fehlt, heizt Spekulationen weiter an.
Die Gebete am Sonntag wurden Staatsmedien zufolge von dem 97-jährigen Großajatollah Dschafar Sobhani geleitet, einem der einflussreichsten Kleriker der Islamischen Republik. Auch Chameneis Söhne Massud, Mostafa und Meysam nahmen an den Gebeten teil.
Seit der Iranischen Revolution unter Ajatollah Ruhollah Chomeini 1979 wird das Land auf Grundlage einer schiitischen Verfassung autoritär regiert.
Unter den Teilnehmern waren auch der iranische Präsident Massud Peseschkian und weitere ranghohe Vertreter der iranischen Führung wie Parlamentspräsident und Chefunterhändler Mohammad-Baqher Ghalibaf sowie der Befehlshaber der für Auslandseinsätze zuständigen Al-Kuds-Truppe der iranischen Revolutionsgarde, Esmail Kaani, wie Aufnahmen des staatlichen Fernsehens zeigten.
Auch der mächtige Chef der Revolutionsgarde, Ahmad Wahidi, der öffentlich so gut wie nie in Erscheinung tritt, war anwesend.
Im Moscheekomplex auf dem Musalla in Teheran waren fünf in die iranische Flagge gehüllte Särge auf einem Podium aufgebahrt – darin die Leichname Chameneis sowie seines Schwiegersohns, seiner Tochter, der Ehefrau seines Sohnes Modschtaba sowie seiner 14 Monate alten Enkelin. Auf Chameneis Sarg lag der für ihn typische schwarze Turban.
Die Straßen rund um den Moscheekomplex waren voller Trauernder. Wie die iranische Nachrichtenagentur IRNA berichtete, wurden am Sonntag wegen der hohen Temperaturen von mehr als 35 Grad rund 4.000 Menschen am Rande der Feierlichkeiten medizinisch behandelt.
Chameneis Leichnam bleibt noch bis Montag in Teherans Musalla-Komplex aufgebahrt, dann ist ein Trauerzug durch die Hauptstadt geplant. Am Dienstag soll der Sarg in die schiitische Gelehrtenstadt Kom gebracht werden, am Mittwoch in schiitische Heiligtümer im Nachbarland Irak.
Die Beisetzung ist für Donnerstag in Chameneis Heimatstadt Maschhad im Nordosten des Iran vorgesehen. Dort soll er zusammen mit seinen getöteten Familienmitgliedern begraben werden. In Kom soll der einflussreiche Ajatollah Makarem Schirazi (99) das Gebet leiten, in Maschhad Noori Hamedani (101).
Die Tötung Chameneis nach mehr als dreieinhalb Jahrzehnten an der Macht hat in der Islamischen Republik eine neue Ära eingeläutet, die jedoch von Ungewissheit geprägt ist. Nach der gewaltsamen Niederschlagung der Massenproteste im Jänner mit Tausenden Toten gelten die Trauerfeierlichkeiten für Chamenei als Test, wie stark die Unterstützung für die Führung ist.