Schlaf auf Schienen: Suche nach Transparenz im Nachtzugsnetz
Die Urlaubszeit ist auch die Saison voller Züge – trotz der anhaltend großen Konkurrenz von Billigfliegern. Aus Österreich sind viele Destinationen per Nachtzug auch im Schlaf erreichbar, seit diesem Wochenende rollt etwa die saisonale Verbindung von Innsbruck nach Malmö. Nach wie vor sind mangelnde Transparenz im Strecken- und Angebotsdschungel für viele Reisende abschreckend. Den Mythos der immer ausgebuchten Nachtzüge widerlegt eine Auswertung der Plattform Nightride.com für ORF.at.
180 Tage vor der Abfahrt sind die Nachtzüge der ÖBB buchbar, die Preisgestaltung ist dynamisch: Günstige "Sparschiene"-Tickets sind kontingentiert und je nach Strecke und Kategorie unterschiedlich schnell vergriffen. Plant man etwa einen Sommerurlaub, ist ein Überblick über Buchungslage und Preissituation schwierig, wenn man nicht Tag für Tag im Buchungssystem abfragen will. Auch bei anderen Nachtzugsbetreibern in Europa ist die Situation ähnlich, egal ob staatlich, oder privat.
Dazu kommt: Große Betreiber wie ÖBB und Deutsche Bahn zeigen Züge von anderen Anbietern nicht grundsätzlich an. Wer also zum Beispiel die vom schwedischen Unternehmen Snälltaget betriebene 20-stündige Verbindung von Innsbruck über Salzburg, München, Hamburg und Kopenhagen nach Malmö buchen will, muss wissen, dass es diese gibt, um sie überhaupt zu finden.
Durch den fehlenden Überblick komme auch die weit verbreitete Annahme, dass Schlaf- und Liegewagen ohnehin ständig ausverkauft und wenn nicht, dann sehr teuer seien, erklärt Timo Grossmann gegenüber ORF.at. Der Schweizer betreibt die Seite Nightride.com, eine Plattform, die sich zum Ziel gesetzt hat, Nachtzugsangebote in Europa einheitlich vergleichbar zu machen.
Die Daten, die Grossmann über Schnittstellen der Zugsunternehmen abfragt, zeigen, dass es nur wenige Nachtzüge gibt, die tatsächlich Monate im Voraus komplett ausgebucht sind – im Gegenteil: In der aktuellen Abfrage sind in den Sommermonaten im überwiegenden Teil der Züge Liege- oder Schlafwagenplätze verfügbar. Vielfach auch zu "Sparschiene"-Preisen, die laut ÖBB auch ohne Vorteilscard die günstigste Variante darstellen.
Vergleicht man die Preise mit jenen von Billigfluglinien, sind dort manche Strecken nur auf den ersten Blick wirklich günstiger. Denn die Aufpreise für Gepäck, Sitzplatzwahl, Kosten für Anreise zum Flughafen oder für Parkplätze und weitere Extras summieren sich.
Familien profitieren im Zug hingegen davon, dass Kinder unter sechs Jahren gratis und unter 15-Jährige zum Halbpreis – im Nachtzug teilweise sogar noch günstiger – reisen. Argumentiert man allerdings damit, dass auch (Reise-)Zeit Geld ist, steht der Nachtzug im Vergleich zum Flugzeug natürlich auf verlorenem Posten. Andererseits: Preist man gesparte Hotelnächte ein, gewinnt wieder der Zug.
Gerade Österreich ist im Hinblick auf die verfügbaren Nachtzugsstrecken jedenfalls verwöhnt. Nachdem sich die Deutsche Bahn 2016 aus dem Geschäft mit Schlaf- und Liegewagen verabschiedet hatte, übernahm die ÖBB einige Strecken und positionierte sich mit der neuen Marke ÖBB Nightjet als europäische Marktführerin im Segment.
Bis 2024 wurde das Streckennetz kontinuierlich ausgebaut. Besonders gefragt seien generell Abfahrten aus Wien und Innsbruck, vor allem die Nightjets nach Hamburg und Rom seien gut gebucht, heißt es seitens der ÖBB gegenüber ORF.at. Weitere neue Strecken seien aktuell nicht angedacht, so ein ÖBB-Sprecher auf ORF-Anfrage: "Wir haben ein für uns gut funktionierendes Nachtzugsnetz. Aktuell sind keine Änderungen geplant."
Generell scheint die in den vergangenen Jahren gerne beschworene Renaissance des Nachtzugs an ihre Grenzen gestoßen zu sein. Wie auch der europäische Lobbyverein Back on Track mit der interaktiven "Nachtzug-Karte 2026" aufzeigt, werden eher wieder Verbindungen eingestellt: Nach kontinuierlichen Erweiterungen kamen heuer fünf neue Verbindungen dazu oder sind in konkreter Planung, dafür wurden zehn Strecken gestrichen.
Nachtzüge sind für Betreiber wirtschaftlich und operativ extrem aufwendig: Liege- und Schlafwagen sind teuer in der Anschaffung und bieten deutlich weniger Passagieren und Passagierinnen Platz als normale Sitzwagen, das limitiert die Einnahmen pro Zug stark. Grenzüberschreitende Strecken erfordern zudem verschiedene Lokomotiven, Personalwechsel, Zugstrennungen und die Beachtung international unterschiedlicher Sicherheitsbestimmungen.
Ohne Subventionen bzw. internationale Kooperation sind die Verbindungen nicht zu halten. So wurden die 2025 eingestellten ÖBB-Verbindungen zwischen Wien und Paris sowie zwischen Paris und Berlin nicht wegen mangelnder Passagiernachfrage aufgegeben, sondern weil die französische Bahngesellschaft SNCF die Kooperation aufgekündigt hatte.
Zumindest die Berlin-Paris-Verbindung wurde heuer im März allerdings wieder aufgenommen und wird nun vom niederländisch-belgischen Start-up European Sleeper betrieben. Das 2021 gegründete Unternehmen bietet mittlerweile auch eine Verbindung von Brüssel nach Prag an und will weiter expandieren. Ebenfalls weiter auf Expansionskurs bleibt das schwedische Unternehmen Snälltaget, hauptsächlich mit Verbindungen nach und durch Skandinavien.
Ausbau, Förderung und Stärkung des Bahnverkehrs in Europa gehören auch zu den Vorhaben der EU-Kommission, die schon 2019 mit dem "Green Deal" vorgestellt wurden. Zu zehn definierten Pilotprojekten gehören unter anderem geplante Nachtzüge zwischen Amsterdam und Barcelona, zwischen Paris und Venedig und zwischen Berlin und Stockholm.
Generell seien Nachtzüge aber kein priorisiertes Thema in der EU, beschreibt Nightride.com-Betreiber Grossmann: Der Fokus liegt auf dem weiteren Ausbau von Hochgeschwindigkeitszügen – "Nachtzüge bleiben da, schon wegen der beschränkten Kapazitäten, in der Nische".
Geht es nach der EU-Kommission, soll es aber zumindest für die Übersichtlichkeit des Angebots bald Abhilfe geben. Reisende sollen auf großen Ticketplattformen übersichtlich alle Möglichkeiten sehen, von A nach B zu kommen. Die verschiedenen Reiseoptionen sollen transparent und neutral dargestellt werden – für alle Transportarten, neben Zügen etwa auch Busse, Flüge und Fährverbindungen.
Plattformen sollen unter anderem Preis, Dauer, Abfahrtszeit und Treibhausgase darstellen. So könnte etwa verglichen werden, wie schnell und wie teuer die gleiche Langstrecke mit mehreren Zügen oder einer Mischung aus Bus, Bahn und Flugzeug zurückgelegt werden kann. Die Vorschläge der Kommission müssen noch im EU-Parlament und im EU-Rat der 27 Länder verhandelt werden, eine rasche Umsetzung ist also nicht zu erwarten. Immerhin: Bahnreisende sind Warten gewohnt.