FIFA WM 2026: "Joker" erlöst Brasilien in 95. Minute
Brasilien hat sich am Montag bei der Fußball-WM in Nordamerika in das Achtelfinale gezittert. Die "Selecao" rang Japan nach einem 0:1-Pausenrückstand mit einem Kraftakt nach der Pause mit 2:1 nieder. Für die Erlösung sorgte "Joker" Gabriel Martinelli, der in der 95. Minute den Siegestreffer erzielte und die Hoffnungen der Japaner auf das erstmalige Überstehen der ersten K.-o.-Phase zerstörte.
Brasilien ließ vor 68.777 Zuschauerinnen und Zuschauern im Houston Stadium lange die Kreativität vermissen und verzettelte sich vor allem vor der Pause immer wieder in der dichten Abwehrkette der Japaner. Die "Blauen Samurai" präsentierten sich unterdessen als Meister der Effizienz. Nach einem kapitalen Fehlpass von Danilo zog Kaishu Sano alleine auf das Tor zu und ließ Alisson Becker im Tor der Brasilianer keine Chance (29.).
Nach der Pause erhöhten die Brasilianer den Druck und schnürten die Japaner in der eigenen Hälfte ein. Nach Traumflanke von Gabriel Magalhaes traf Casemiro schließlich per Kopf zum Ausgleich (56.) und belohnte den hohen Aufwand. Als sich die Fans bereits auf eine Verlängerung eingestellt hatten, schlug der fünffache Weltmeister noch einmal zu. Nach Traumpass von Bruno Guimaraes schoss Martinelli Brasilien ins Achtelfinale am Sonntag (22.00 Uhr). Dort wartet entweder die Elfenbeinküste oder Norwegen.
Brasilien kam bei der WM erst langsam in Fahrt. Einem mühevollen 1:1 zum Auftakt gegen Marokko folgten souveräne 3:0-Siege gegen Schottland und Haiti. Auch Japan blieb in der Gruppenphase ungeschlagen und zog nach einem 2:2 gegen die Niederlande, einem klaren 4:0-Sieg über Tunesien und einem 1:1 gegen Schweden als Zweiter der Gruppe F hinter der "Elftal" in die K.-o.-Phase ein. Topscorer der Japaner in der Vorrunde waren Daichi Kamada und Ayase Ueda mit jeweils zwei Toren.
Carlo Ancelotti blieb seiner Linie treu und setzte auf sein bewährtes Offensivduo Vinicius Junior und Matheus Cunha, die mit vier bzw. drei Treffern alle sieben brasilianischen Tore in der Gruppenphase erzielt hatten. Neymar, der wegen einer Wadenverletzung erst im dritten Gruppenspiel gegen Schottland zu einem Kurzeinsatz kam, saß auf der Bank. Nicht einsatzbereit ist weiter Offensivstar Raphinha, der sich im zweiten Spiel gegen Haiti eine Muskelverletzung im rechten Oberschenkel zuzog.
Japan war seit zehn Spielen ungeschlagen. In diese Serie fallen unter anderem auch in der WM-Vorbereitung der 1:0-Sieg in London gegen England und das 3:2 in Tokio über Brasilien, nach elf Niederlagen und zwei Remis überhaupt der erste Sieg der Japaner über die "Selecao". Entsprechend selbstbewusst und bissig ging die Auswahl von Teamchef Hajime Moriyasu in das Duell mit dem fünffachen Weltmeister. Lucas Paqueta und Co. versuchten die japanische Defensive deshalb mit schnellem Kombinationsspiel zu knacken, blieben zunächst aber ideenlos.
Gefährlich wurde es nach schnellen Antritten: Ein Schuss von Guimaraes wurde abgeblockt (3.), einen Schlenzer von Cunha aufs lange Eck klärte Japan-Goalie Zion Suzuki sicherheitshalber zur Ecke (14.). Meistens blieben Junior und Co. aber bei ihren Dribblings hängen. Brasilien hatte mehr vom Spiel, Japan versteckte sich aber nicht. Nach Foul von Casemiro an der Strafraumgrenze probierte es Kamada mit einem direkten Freistoß, sein Schuss blieb in der Mauer hängen (16.), ein Kopfball von Ueda nach einem Corner verfehlte sein Ziel (27.).
Japan lauerte weiter auf Fehler, und ein kapitaler Fehler von Danilo leitete den Führungstreffer ein. Sano fing seinen Querpass an der Mittellinie ab und lief unbedrängt Richtung Tor. Knapp vor der Strafraumgrenze schaute der Mittelfeldspieler vom FSV Mainz auf und zirkelte den Ball passgenau ins lange Eck zum 1:0 in die Maschen, Alisson Becker war machtlos und streckte sich vergeblich (29.). Plötzlich rückte der brasilianische Traum von der ersehnten "Hexa", dem ersten WM-Titel seit 2002, in weite Ferne.
Die Brasilianer schüttelten sich und versuchten postwendend zurückzuschlagen, blieben im letzten Drittel aber oft zu kompliziert und hängen, aus der Distanz blieben sie harmlos. Ein Schuss von Junior (34.) stellte Suzuki im Tor der Japaner ebenso vor keine Probleme, wie kurz darauf eine Direktabnahme des Real-Stars, die abgeblockt wurde (35.). Auch Cunha probierte es aus 20 Metern, sein Schuss fiel aber zu zentral aus (38.). Immer wieder bissen sich die Brasilianer die Zähne aus und fanden keine Lücken, mit 0:1 ging es in die Pause.
Ancelotti reagierte nach der Pause und schickte Endrick statt des angeschlagenen Taktgebers Paqueta aufs Feld. Der Offensivmann von Olympique Lyon sollte für die zündenden Ideen sorgen. Brasilien zog in der zweiten Spielhälfte nun ein Powerplay auf, und den brasilianischen Fans lag bald der erste Torschrei auf den Lippen. Eine Flanke von Danilo fand Guimaraes, seinen wuchtigen Kopfball entschärfte Suzuki allerdings noch mit einer Glanzparade (52.).
Kurz darauf Verwirrung im Strafraum: Ein Casemiro-Kopfball im Fünfer traf den Kopf von Takehiro Tomiyasu, prallte von dort auf Suzuki und wieder zurück auf den Verteidiger, der auf der Linie stand. Im Verbund konnte Japan die Situation aber klären (54.). Zwei Minuten später war es dann aber passiert: Magalhaes zirkelte eine Flanke auf die zweite Stange, wo wieder Casemiro lauerte. Und im zweiten Anlauf machte es der Mittelfeldspieler von Manchester United besser und überwand Suzuki mit einem wuchtigen Kopfball ins kurze Eck (56.).
Brasilien blieb am Drücker und wollte die Vorentscheidung erzwingen. Nach einem schnellen Konter kam Vinicius Junior links im Strafraum an den Ball, seinen Schlenzer konnte Torhüter Suzuki aber gerade noch an die lange Stange abfälschen (58.). Japan wackelte und lief Ball und Gegner nur noch hinterher, die wenigen Gegenstöße verpufften. Teamchef Moriyasu sah Handlungsbedarf und brachte mit Junnosuke Suzuki und Yukinari Sugawara zwei frische Spieler. Auch Ancelotti verstärkte mit Martinelli noch einmal die Offensive (66.).
Die Aufholjagd hatte bei der "Selecao" sichtlich Kraft gekostet, der ganz große Druck ließ nun wieder nach. Japan stand nun sicherer und wagte sich auch selbst wieder nach vorne, blieb aber harmlos. Das Geschehen hatte sich aber fast komplett in die japanische Hälfte verlagert. Brasilien probierte es weiter mit Flanken, Einzelaktionen blieben aber ohne Erfolg. Als sich die Fans im Stadion auf Überstunden eingestellt hatten, sorgte Martinelli doch noch für die Entscheidung. Guimaraes steckte im Strafraum auf Martinelli durch, der Arsenal-Stürmer machte einen Haken und verwertete zum 2:1.
Houston, 68.777, SR Mariani (ITA).
Torfolge:
0:1 Sano (29.)
1:1 Casemiro (56.)
2:1 Martinelli (95.)
Brasilien: Alisson – Danilo, Marquinhos, Gabriel, Douglas Santos – Guimaraes (97./Danilo Santos), Casemiro (93./Fabinho), Paqueta (46./Endrick) – Rayan, Cunha (65./Martinelli), Vinicius Jr.
Japan: Z. Suzuki – Doan (66./Sugawara), Tomiyasu, Taniguchi, H. Ito, Nakamura (66./J. Suzuki) – Sano, Kamada (78./Tanaka) – J. Ito (78./Machino), Maeda (97./Ogawa) – Ueda.
Gelbe Karten: Casemiro, Danilo bzw. Sano, Kamada, J. Suzuki.