50 Jahre Arena: Eine Besetzung verändert Wien
Im Sommer 1976 weigerte sich das Publikum nach einem Konzert zu gehen – und machte aus dem zum Abriss freigegebenen Auslandsschlachthof St. Marx im dritten Wiener Gemeindebezirk eine Stadt in der Stadt. Was folgte, waren Monate des Experiments, der Euphorie und der politischen Kämpfe. 50 Jahre später steht die Arena Wien noch immer, wenn auch nicht am ursprünglichen Ort. Die Geschichte einer Besetzung, die die Stadt veränderte.
"Happy Birthday, Arena!": Vor ein paar Wochen gab es ein Geburtstagsständchen von Patti Smith. Die "Godmother of Punk" war im Rahmen der Festwochen-Eröffnung in Wien und besuchte dabei das Kulturzentrum in Wien-Erdberg – sei dieses doch "eine der besten Konzertlocations der Welt". Auf das Ständchen folgte passenderweise die Protesthymne "People Have the Power". Smith kennt die bewegte Geschichte der Arena.
Der Name geht zurück auf eine Gegenkulturschiene der Wiener Festwochen, die 1970 gestartet wurde. "Arena 70" machte im grau-grauen Wien erstmals alternatives Kulturprogramm für junge Menschen. Seit 1975 fanden Arena-Veranstaltungen auch im ehemaligen Auslandsschlachthof St. Marx statt – einem riesigen Areal aus Sichtziegelbauten, einst Teil des größten Viehmarkts Europas.
Ein Jahr später, nach dem Ende der "Arena 76", sollte dieser abgerissen werden. Nach dem letzten Konzert der Mundart-Band "Misthaufen" weigerte sich das Publikum aber zu gehen – der Auslandsschlachthof war besetzt.
Die Arena-Besetzung entwickelte sich zu einem einmaligen Experiment, einer Stadt in der Stadt, in der alles möglich schien: Es gab Gratiskonzerte, Theateraufführungen und Partys. Die Musikgruppe "Die Schmetterlinge", Peter Turrini, Wolfgang Ambros und Georg Danzer zählten zu den Unterstützern. Sogar Leonard Cohen trat spontan auf und soll die Arena noch vor Smith als "besten Ort der Welt" bezeichnet haben.
In der Arena wurde viel diskutiert. Die "Arenauten" forderten Freiraum für Subkultur und Kunst abseits der elitären Hochkultur und erprobten auf dem 73.000 Quadratmeter großen Areal neue Ideen des Zusammenlebens. Mehr als 200.000 Menschen sollen das Gelände während der Besetzung besucht haben.
"Da war ein Haus für Mütter und Kinder, ein Frauenhaus. Und da war auch eine Motorradgruppe, die gekommen ist. Mit denen haben wir nicht so viel Freude gehabt", erinnert sich Musikerin Beatrix Neundlinger, die damals gerade frisch bei den Schmetterlingen eingestiegen war, im ORF-Gespräch. Gemeinsam mit Konstanze Breitebner gründete sie das Cafe Schweinestall mit Sitzgelegenheiten aus Telefonbüchern: "Wir haben Kuchen gebacken, Leute eingeladen, Flugzettel verteilt – wir haben sie als Unterstützerinnen und Mitbesetzerinnen gewinnen wollen."
Für die Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann war die Arena-Besetzung der Beginn eines Aufbruchs in einer Stadt, die für junge Menschen kaum etwas zu bieten hatte: "Wien war eine graue Nazi-Stadt – eigentlich immer noch. Also mit Menschen in beigen Mänteln, Plastiktaschen und kleinen karierten Hütchen, die sich über jeden jungen Menschen, der irgendwie lauter war, aufgeregt haben."
Den Sommer hielt Beckermann gemeinsam mit Josef Aichholzer und Franz Grafl in dem Film "Arena besetzt" fest – als Teil der Videogruppe Arena, gedreht in "Do it yourself"-Manier. "Die Besetzung der Arena war viel mehr als der Wunsch nach Jugendzentren und Clubs. Es war ein antikapitalistisches Unternehmen – eine Antithese zur Wohlstandsgesellschaft", so Beckermann.
Am 12. Oktober 1976 kam dann doch der Abbruch – bereits zwei Wochen zuvor war die Strom- und Wasserversorgung gekappt worden. Als Alternative übergab die Stadt den deutlich kleineren Inlandsschlachthof gleich gegenüber an die Besetzer, die heutige Arena in der Baumgasse 80.
Dabei hätte es auch anders kommen können: Kulturstadträtin Gertrude Fröhlich-Sandner zeigte Sympathie für das Projekt, doch Verträge mit dem Modecenter Schöps und einer Tiefkühlfirma ließen der städtischen Kulturpolitik wenig Spielraum. Am 22. September 1976 wurde das Areal an die WIBAG verkauft und der Abbruch damit besiegelt.
Für viele Besetzerinnen und Besetzer war das Angebot des Inlandsschlachthofs ein schlechter Witz. "Ein billiges Angebot und ein billiges Geschenk", so Neundlinger, die die "neue Arena" zehn Jahre lang erst gar nicht betreten hat. Armin Thurnher, "Falter"-Gründer und selbst den ganzen Sommer dabei, empfand es als "läppisch": Wien hätte hier ein Zeichen gegen die "beengende Spießigkeit" setzen können – und habe es nicht getan.
Ohne diesen Entscheid hätte Wien vielleicht heute ein lebendiges Alternativquartier wie Christiania in Kopenhagen, formulierte es Anna Goldenberg kürzlich im "Falter". Neundlinger hat allerdings Zweifel, ob Besetzer und Gemeinde den Aufwand des riesigen Areals je bewältigt hätten: "Es hätte nie funktioniert."
Seit 1977 arbeitet die Arena als gemeinnütziger Verein, autonom und basisdemokratisch – und trotzdem oder gerade deshalb traten hier David Bowie, Iggy Pop, Nirvana und eben Smith auf. Bei einem Open-Air-Konzert für ca. 3.000 Besucherinnen und Besucher sind bis zu hundert Menschen im Einsatz.
"Arena Wien. Jedenfalls ist es Liebe!" Wien Museum Community Space, bis 27. September.
Die Sound-Technik gilt in Insiderkreisen als herausragend – und wurde zuletzt zum Politikum: Der Zuzug neuer Anrainerinnen und Anrainer in den benachbarten Wohnkomplex "The Marks" brachte 2024 Lärmbeschwerden und Auflagen mit sich. Da das Areal unter Denkmalschutz steht, war eine bauliche Lösung ausgeschlossen – die Stadt Wien förderte schließlich eine neue Beschallungsanlage mit 600.000 Euro.
Einblicke hinter die Kulissen des Vereins und seiner Entwicklung gibt nun der Bildband "Die Arena. Eine Wiener Geschichte" sowie eine kleine Ausstellung im Wien Museum: "Arena Wien. Jedenfalls ist es Liebe!", die auch die Protagonisten von damals zu Wort kommen lässt. "Love Music, Hate Fascism" lautet das Motto. Das Ziel ist bis heute, selbstbestimmt zu arbeiten und auch Kultur zu fördern, die kein großes Geld abwirft.