Debatte nach Totalausfall: Deutsche Bahn als Dauerbaustelle
Ein Fehler im Kommunikationsnetz hat Dienstagabend zu einem Totalausfall bei der Deutschen Bahn (DB) geführt. Züge blieben in den Bahnhöfen stehen, Zehntausende Passagierinnen und Passagiere saßen fest. Die Ursache war rasch gefunden, trotzdem gab die Panne am Mittwoch Anlass zu einer weiteren Generaldebatte über den Zustand des Zugsbetriebs in Deutschland. Noch dazu soll das Großprojekt Stuttgart 21 weiter verschoben werden. Der Bahnkontenpunkt ist die teuerste, aber bei Weitem nicht einzige große Baustelle im deutschen Zugsnetz.
Die DB Regio AG hatte am Dienstag um 22.00 Uhr den flächendeckenden Ausfall von Zügen gemeldet, als Ursache nannte sie einen technischen Fehler im digitalen Mobilfunksystem "Global System for Mobile Communications – Rail" (GSM-R). Gegen 0.30 Uhr am Mittwoch fuhren die ersten Züge wieder. Es sei gelungen, das Problem über ein "Notfallsystem" vorerst zu beheben, teilte die Vorstandsvorsitzende der DB, Evelyn Palla, mit.
Der "planmäßige Tausch einer technischen Komponente" sei aus derzeitiger Sicht "ursächlich für die gestrige Störung des digitalen Bahnfunks GSM-R", so der Vorstandsvorsitzende der Infrastruktursparte des Konzerns, Philipp Nagl, am Mittwoch. "Wie es dadurch genau zu der Störung kam, analysieren wir nun mit höchster Priorität."
Die DB entschuldige sich "in aller Form bei unseren Kundinnen und Kunden für die Einschränkungen", so Nagl. Sabotage am Schienennetz, die es in Deutschland schon wiederholt gab, wurde als Ursache ausgeschlossen.
Während der Störung saßen Zehntausende Reisende auf Bahnhöfen und in Zügen fest, teils bis Mittwochfrüh. Auch Schnellbahnen in Großstädten wie Berlin und Stuttgart standen still, der Güterverkehr der DB war ebenfalls betroffen. Passagiere klagten über fehlende Informationen über die Dauer der Ausfälle.
Am Mittwoch nahmen Politik und Medien die Panne zum Anlass für eine weitere Debatte über die Betriebssicherheit der DB in Deutschland. Die "Bild"-Zeitung nannte die DB eine "Bruchbude", der Bahnfunk sei "seit Monaten als Schwachstelle" bekannt. "Wegen eines Ersatzteils brach alles zusammen."
Der deutsche Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) forderte von der DB eine umfassende Aufklärung des Betriebsausfalls. Sollte es sich um Probleme mit Hardwarekomponenten oder um ein Updateproblem eines Servers handeln, müsse die DB ihre Systeme so aufstellen, dass sich das nicht wiederhole, sagte er.
Der Verkehrsminister des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, Oliver Krischer (Grüne), übte Kritik an dem staatlichen Bahnkonzern. "Menschen verlassen sich auf die Bahn, und wenn es ein Unwetter gibt, da haben wir alle Verständnis, dass es hier Einschränkungen gibt", sagte er gegenüber dem Westdeutschen Rundfunk (WDR). "Aber dass aufgrund einer technischen Störung zwei Stunden lang alle Züge in Deutschland stehen, das darf eigentlich nicht passieren." Die DB werde "sicherlich aufarbeiten müssen, was genau hier die Ursache war".
Auch der Fahrgastverband Pro Bahn forderte Konsequenzen. "Wir erwarten von der Bahn, dass sie auch beim Zugfunk für mehr Resilienz sorgt", sagte Pro-Bahn-Chef Detlef Neuß der "Rheinischen Post". Der stellvertretende Fraktionschef der CSU im Bundestag, Stephan Stracke, nahm die DB-Chefin in die Pflicht. "Ich erwarte von Frau Palla, dass Lösungen gefunden werden."
Der Vorfall zeige, wie dringend die DB auf Vordermann gebracht werden müsse. "Das gilt nicht nur für marode Schienen und Anlagen, sondern auch für die Technik, die für den Betriebsablauf wichtig ist. Es kann nicht sein, dass der Ausfall eines Funksystems den Schienenverkehr in ganz Deutschland lahmlegt", so Stracke. Kritik wird regelmäßig auch an der notorischen Unpünktlichkeit und häufigen Zugsausfällen bei der DB laut.
Am Mittwoch hieß es außerdem in mehreren deutschen Medienberichten, die DB werde die Inbetriebnahme des Großprojektes Stuttgart 21, den Ausbau des Bahnknotenpunkts in der Hauptstadt des Bundeslandes Baden-Württemberg, auf Ende 2031 verschieben. Die zuletzt geplante Eröffnung für Ende dieses Jahres war im November abgesagt worden.
Palla hatte damals eine Prüfung des Projekts angekündigt, die Verschiebung auf 2031 sei nun das Ergebnis dieser Prüfung. Die DB kommentierte die Berichte nicht, am Freitag sollen Informationen zum Projektstatus folgen. An dem Verkehrs- und Städtebauprojekt, erstmal vorgestellt 1994, wird seit 2010 gebaut. Die Inbetriebnahme war laut ersten Plänen 2019 vorgesehen. Die veranschlagten Projektkosten stiegen inzwischen von 2,6 auf 11,4 Milliarden Euro mit Stand 2024.
Im Vorjahr investierte Deutschland laut Netzzustandsbericht der DB-Infrastrukturtocher DB InfraGO 19,9 Milliarden Euro in die Erhaltung des Schienennetzes. 1.900 Kilometer Gleise und 103 Brücken wurden saniert, in 950 Bahnhöfen wurde gebaut. Das Netz der DB ist 33.000 Kilometer lang, es unterteilt sich in 9.000 Kilometer Hochleistungs- und 24.000 Kilometer Flächennetz. Gesamtinvestitionsbedarf laut DB: rund 130 Milliarden Euro. Heuer soll das Netz auf 28.000 Baustellen um 23 Milliarden Euro saniert werden.