250 Jahre Albertina: Wie Dürers Hase ins Museum kam
Anlässlich des 250-jährigen Jubiläums blickt die Albertina mit "Sammeln für die Zukunft" auf die eigene Geschichte zurück – und rückt dabei auch eine lange unterschätzte Gründerfigur ins Licht: Erzherzogin Marie Christine, deren Rolle institutionsgeschichtlich bisher kaum gewürdigt wurde. Warum Albrecht Dürers berühmter "Feldhase" hier hoppelt, und wie Caspar David Friedrich und Egon Schiele ins Haus kamen, zeigt ein Ausstellungsrundgang, der etliche Highlights der Sammlung aus dem schützenden Dunkel des Depots holt.
Da hockt er nun wieder, auf seinem Blatt Papier, mit flauschigem Fell und dem Blick eines Fluchttiers, das jeden Moment davonspringen könnte: Dürers "Feldhase" (1502) hat über 500 Jahre auf dem Buckel und wirkt mit seinem rasch hingepinselten Pelz immer noch quicklebendig. "Diese detaillierte Naturerfassung ist wirklich wie eine Rekreation, wie ein Lebendigwerden eines Tieres auf dem Papier – einzigartig und daher bis heute ikonisch", betont Albertina-Direktor Ralph Gleis im ORF-Gespräch.
Schon zu Dürers Lebzeiten galt der Hase als viel kopiertes "Wunder der Beobachtung". Zu sehen bekommt man ihn trotzdem selten: Erst zehnmal wurde er ausgestellt, zuletzt 2019 bei der großen Dürer-Ausstellung, denn Papier ist äußerst licht- und temperaturanfällig. Bei diesem Hasen werden die Lichtstunden penibel zusammengezählt, bevor entschieden wird, wann er wieder Auslauf bekommt.
Zum Jubiläum holte die Albertina auch zahlreiche weitere Highlights ihrer weltberühmten, 1,2 Millionen Werke umfassenden Sammlung ans Licht. Von Michelangelos "Rückenakt" von 1504 bis zu Schieles ausgezehrtem Körper im "Aktselbstbildnis" (1910) illustriert die klassisch gestaltete Schau – kuratiert von Direktor Gleis selbst – die Entstehungsgeschichte und rasche Erweiterung der Kollektion.
Herzog Albert von Sachsen-Teschen gilt gemeinhin als Gründervater der Albertina, seit 1864 trägt das Haus auch seinen Namen. Die Jubiläumsschau rückt das Geschichtsbild zurecht, indem sie die Rolle seiner Frau Erzherzogin Marie Christine hervorstreicht: Die Lieblingstochter von Maria Theresia war selbst Kunstliebhaberin und passable Zeichnerin. Albert hingegen stammte aus niederem Adel, die Verbindung galt als eine der wenigen echten Liebesheiraten ihrer Zeit.
Das Paar beauftragte den österreichischen Gesandten in Venedig, Conte Giacomo Durazzo, wertvolle Druckgrafiken zusammenzutragen. 1776 folgte die Übergabe von 10.000 Kupferstichen – die Geburtsstunde einer Sammlung, die sich der Idee der Aufklärung verpflichtet sah: Sie sollte nicht privatem Besitzdenken dienen, sondern die Allgemeinheit "belehren und erfreuen".
Auf dem Wunschzettel stand schlichtweg alles. Das kunstsinnige Paar interessierte sich auch für technische Vorgänge. Zu den frühesten Sammlungsobjekten zählen Dürers "Adam und Eva" (1504) und sein "Rhinoceros" (1515), das in zwei verschiedenen Druckausfertigungen ausgestellt ist.
Die erworbenen Mehrfachkopien erwiesen sich als kluges Investment: 1796 tauschte man Dubletten der Druckgrafiken gegen ein Konvolut von 530 Zeichnungen aus der kaiserlichen Hofbibliothek. Neben dem "Feldhasen" gelangten einige der kostbarsten Stücke in die Sammlung, darunter Hieronymus Boschs mysteriöses Mischwesen "Der Baummensch" (um 1500) und Pieter Bruegels Federzeichnung "Die großen Fische fressen die kleinen" (1556), aus deren aufgeschnittenem Riesenfisch allerhand kleinere Meereswesen purzeln.
Einen ganz anderen Ton schlagen die Kopfstudien an, die Peter Paul Rubens 1619 von seinen Kindern angefertigt hatte – ungewöhnlich zart und von großer Zuneigung. "Kein schlechter Tausch", sagt Gleis augenzwinkernd.
Auch die Erben des Paares bewiesen Gespür: Man sammelte nicht nur alte Meister, sondern erwarb von Caspar David Friedrich das größte verfügbare Werk – eine in Orange getauchte frühe Zeichnung von 1805/06, in der Friedrich bereits die melancholische Stimmung und die schroffen Kreidefelsen der Ostsee-Insel Rügen einfing. Dass der Zeitgenosse eines Tages Weltruhm erlangen würde, war freilich nicht absehbar, wie Gleis einräumt.
"Sammeln für die Zukunft", Albertina Wien, bis 11. Oktober.
Von einem klassischen Ausstellungsbetrieb war die Albertina anfangs weit entfernt: In großen, buchähnlichen Kassetten verwahrte man die losen Druckgrafikblätter, um sie bei gemeinsamen Zusammenkünften in die Hand nehmen zu können. Ab 1899/1900 gab es reguläre Öffnungszeiten, 600 Ausstellungen zählt man bis heute.
Eine Zeitleiste markiert in der Albertina die zentralen Meilensteine der Geschichte: vom verheerenden Bombentreffer in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges über Hans Holleins viel diskutierte Albertina-Rampe (2003) bis in die erfolgreiche Gegenwart – mit über einer Million Besucherinnen und Besuchern jährlich und einer Eigenfinanzierungsquote von 67 Prozent.
Zum Albertina-Jubiläum zeigt "KulturMatinee" am 5. Juli um 9.40 Uhr in ORF2 die Dokumentation "Albertina – Eine Sammlung schreibt Geschichte".
"Sammeln für die Zukunft" blickt vor allem zurück, doch mit der raumfüllenden Videoinstallation und weiteren kommissionierten Arbeiten der renommierten deutsch-italienischen Künstlerin Rosa Barba setzt Direktor Gleis als Schlusspunkt ein Zeichen gegen reine Nostalgie.
Ersteres Werk wird im Anschluss an die Ausstellung in die Sammlung übernommen – und auch künftig soll die Sammlungstätigkeit verstärkt Werke von Frauen in den Blick nehmen, so Gleis. Aber auch die Vergangenheit soll in Zukunft stärker weiblich werden: Als Teil der Jubiläumsfeierlichkeiten holt die Herbstausstellung erstmals die "Künstlerinnen der Albertina" groß vor den Vorhang.