Olivia Rodrigo: Jugendlicher Weltschmerz als hohe Popkunst
Weniger Herzschmerz, mehr Liebesglück – so hat der ursprüngliche Plan für das dritte Studioalbum von US-Superstar Olivia Rodrigo gelautet. Doch wie die Sängerin Ende Mai der "New York Times" sagte, entwickelte sich ihr Privatleben anders als geplant und damit offenbar auch ihr am Freitag erscheinendes Album "You Seem Pretty Sad For a Girl in Love". Für Diskussionen sorgt derzeit auch ihr "Babydoll"-Look bei öffentlichen Auftritten: Kritiker werfen Rodrigo vor, damit ein Frauenbild zu bedienen, das Weiblichkeit zugleich kindlich und sexualisiert darstellt.
Ob frisch verliebt, gerade getrennt oder irgendetwas dazwischen: Wer aktuell auf der Suche nach einem Soundtrack für das eigene Liebesleben ist, wird bei Rodrigos neuem Werk wohl fündig werden. Die 23-jährige US-Amerikanerin mit philippinischen Wurzeln arbeitet darin ihre eigene, kürzlich zu Ende gegangene Liebesbeziehung chronologisch auf.
Die ersten autobiografischen Hinweise finden sich bereits in der ersten Single "Drop Dead". Das dazugehörige Video spielt im Schloss Versailles nahe Paris, einst Residenz des französischen Königs Ludwig XIV. Dass Rodrigos Ex-Freund Louis Partridge denselben Vornamen wie der ehemalige französische Herrscher trägt, interpretierten viele Fans als ersten Hinweis auf den britischen Schauspieler.
Rodrigo verfolgt damit eine Strategie, die an Megastar Taylor Swift erinnert. Swift gilt als Meisterin des autobiografischen Songwritings, ihre Texte werden von treuen Fans akribisch analysiert – in der Hoffnung, mehr oder weniger versteckte Hinweise auf ihr Liebesleben zu entdecken.
Bei Rodrigo begannen die Spekulationen bereits bei ihrem ersten Welthit "Drivers License", mit dem sie 2021 über Nacht zum Superstar wurde. Darin betrauert sie eine beendete Beziehung und singt über ein "blonde girl, who always made me doubt".
Viele Fans interpretierten die Zeile als Anspielung auf die Popsängerin Sabrina Carpenter. Diese soll Gerüchten zufolge mit einem weiteren Ex-Freund von Rodrigo, dem US-Schauspieler Joshua Bassent, liiert gewesen sein, kurz nachdem dessen Beziehung mit Rodrigo gescheitert war.
Mit "Drivers License" traf Rodrigo jedenfalls einen Nerv, die Single lag acht Wochen auf Platz eins der US 100 Billboard Charts und war 2021 der meistgestreamte Song auf Spotify. Die "Los Angeles Times" bezeichnete ihr Debütalbum "Sour" als "makellosen Gen-Z Pop", das Nachfolgealbum "Guts" wurde vom renommierten "Rolling Stone Magazine" als "Geniestreich" beschrieben.
Das Geheimnis ihres Erfolges sei ihre Authentizität, erklärte FM4-Popmusikredakteur Christoph Sepin im Gespräch mit ORF.at. Dass Rodrigo ihre Idole wie Lily Allen und Gwen Stefani offen bewundere und sogar gemeinsam mit ihnen auf der Bühne stehe, würde vermitteln, dass sie nicht nur berühmt werden wolle, sondern das Songwriting "wirklich liebe", so Sepin.
Ihren Stil beschreibt der Musikexperte als "Coming-of-Age-Soundtrack", der die Widersprüche der Jugend zwischen Herzschmerz, Wut und Euphorie einfängt. Die vorab veröffentlichten Songs aus dem neuen Album, "Drop Dead" und "The Cure", bezeichnete er als "ganz hohe Popkunst", Rodrigo sei derzeit "eine der Besten" in ihrem Genre.
Zum rasanten Aufstieg Rodrigos trug auch die Kurzvideoplattform TikTok bei. "Drivers License" hat 2021 auf TikTok einen Hype ausgelöst und wurde von Millionen Userinnen und Usern für eigene Videos verwendet. Rodrigo räumte selbst ein, beim Schreiben des Songs bewusst Elemente eingebaut zu haben, die sich für TikTok eignen.
Dieses Konzept verfolgt sie augenscheinlich auch bei ihrem neuen Album, so wird etwa der Refrain von "Drop Dead" von zahlreichen TikTok-Userinnen und -Usern genutzt, um persönliche Liebesgeschichten zu untermalen.
Hohe Wellen hat das Video zu "Drop Dead" geschlagen, in dem Rodrigo in einem pink-blauen Rüschenkleid zu sehen ist. Anfang Mai kombinierte sie bei einem Auftritt in Barcelona ein pink-weißes Babydoll mit kniehohen Stiefeln.
Für viele Fans steht der Look als Symbol für das Popkulturphänomen "Girlhood": eine Art ästhetisierte Inszenierung des Mädchenseins, die sich durch nostalgische, verspielte und hyperfeminine Bildwelten ausdrückt und zugleich Emotionalität und Selbstfindung symbolisiert. Kritikerinnen und Kritiker warfen Rodrigo dagegen vor, ein Frauenbild zu bedienen, das Weiblichkeit bewusst kindlich, dabei aber gleichzeitig sexy inszeniert.
Sie habe sich in dem Babydoll nicht "sexy" gefühlt, sondern einen Look ähnlich dem der 90er-Rock-Ikonen Kathleen Hannah und Courtney Love angestrebt, verteidigte sich Rodrigo gegenüber der "NYT". Die Musikwissenschaftlerin Penelope Braune von der Humboldt-Universität in Berlin sprach gegenüber der dpa von einer Kultur, die weibliche Körper permanent sexualisiere und anschließend Frauen für diese Sexualisierung verantwortlich mache.
Dass viele Künstlerinnen mittlerweile mit dieser Objektifizierung spielen und Schönheitsideale überzeichnen, habe laut Braune auch eine ambivalente Komponente. Denn selbst wenn etwas "empowernd" gemeint sei, könne es trotzdem Teil einer Bilderwelt sein, die vom heterosexuellen, männlichen Blick ("male gaze") auf Frauen geprägt sei, so die Expertin.
Im Laufe ihrer Karriere bezog Rodrigo immer wieder zu öffentlichen politischen Debatten Stellung. Die humanitäre Lage im Gazastreifen bezeichnete sie 2025 als "inakzeptabel". Im selben Jahr veröffentlichte das Weiße Haus ein Video auf Instagram, das Festnahmen durch die US-Einwanderungsbehörde ICE zeigte, unterlegt mit einem Ausschnitt aus Rodrigos Song "All-American Bitch".
Rodrigo reagierte rasch und schrieb unter das Video, "Benutzt meine Songs nie wieder, um eure rassistische, hasserfüllte Propaganda zu verbreiten", ein Kommentar der mittlerweile gelöscht wurde.
Für Aufregung sorgte auch, dass Rodrigo im Zuge ihrer "Guts"-Album-Tour 2024 Frauenrechtsorganisationen erlaubte, kostenlose Kondome und die Pille danach bei ihren Konzerten zu verteilen. Der republikanische Gouverneur von Missouri richtete der Sängerin aus, dass sie sich "schämen" solle, da sie "Abtreibungsmittel" verteile.
Vor Kurzem kündigte Rodrigo ihre "Unraveled"-Tour an. Ab September wird die Sängerin 86 Konzerte in den USA, Kanada und Europa spielen. Alle Termine waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Österreich steht wie schon bei ihren vorherigen Tourneen nicht auf der Liste.