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Messerangriff in Belfast: Familie des Opfers fordert Ende der Krawalle

Messerangriff in Belfast: Familie des Opfers fordert Ende der Krawalle

Messerangriff in Belfast: Familie des Opfers fordert Ende der Krawalle

Nachdem am Montagabend ein 30 Jahre alter Mann aus dem Sudan einen anderen Mann mit einem Messer schwer verletzt hat, kommt es in der nordirischen Hauptstadt Belfast zu teils rassistisch motivierten Ausschreitungen. Dabei wurden Fahrzeuge in Brand gesteckt sowie Häuser angezündet. Am Mittwoch rief die Familie des Opfers zu einem Ende der Krawalle auf, diese seien "nicht erwünscht". Die Angst vor weiteren Unruhen ist jedoch groß.

"Wir möchten unmissverständlich klarstellen, dass nächtliche Unruhen nicht erwünscht sind und friedlicher Protest der einzige Weg nach vorne ist", hieß es von der Familie in einem Facebook-Beitrag. Es gebe "viele Migrantinnen und Migranten, die einen wertvollen Beitrag für unser Land leisten (...) und wir sind auf sie angewiesen, damit unser Land funktioniert".

Man sei sich "der Spannungen und der Diskussionen über Proteste im Anschluss an diesen Vorfall bewusst", hieß es in dem Beitrag weiter. Allerdings wollte die Familie nicht, dass diese "schreckliche Tragödie dazu benutzt wird, Menschen zu spalten oder Feindseligkeiten zu schüren".

In der Nacht auf Mittwoch war es in Belfast zu erschreckenden Szenen gekommen: Die meist jungen, männlichen Randalierer zogen durch die Stadt und setzten mehrere Fahrzeuge in Brand. Aus brennenden Wohnhäusern mussten in mehreren Teilen der Stadt Bewohnerinnen und Bewohner gerettet werden.

Auch Geschäfte, darunter etwa ein türkischer Friseursalon, wurden beschädigt. Auf der Fassade eines Imbissstandes prangert ein islamfeindlicher Schriftzug, immer wieder sollen die Randalierer "Ausländer raus!" skandiert haben. Zwei Beamte sind laut Polizei verletzt worden. Der BBC zufolge kam es auch in anderen Städten Nordirlands zu Protesten. Es kam bereits zu vereinzelten Festnahmen und Anklagen.

Mittwochfrüh, am Morgen nach den Krawallen, kehrte laut britischen Medien zunächst zwar Ruhe ein, die Stadtbewohnerinnen und -bewohner blickten jedoch auf verwüstete Straßen und Chaos. Die Angst vor weiteren Krawallen ist allgegenwärtig – in sozialen Netzwerken kursieren bereits die nächsten Protestaufrufe. Einige Bewohnerinnen und Bewohner mit Migrationshintergrund berichten von großer Angst.

Das nordirische Verkehrsunternehmen Translink kündigte an, Bus- und Zugsverbindungen am Mittwochabend einzustellen, die Polizei ist zudem mit verstärkter Präsenz in der Stadt. Der nordirische Polizeichef Jon Boutcher sprach bei der BBC von "hirnlosen Idioten, die damit nur ihre eigene Zukunft ruinieren". "Letzte Nacht haben wir so viele Familien gerettet", sagte er, darunter auch ein zwei Monate altes Baby.

Zum Anlass hatten die Randalierer einen brutalen Messerangriff mit einem Schwerverletzten am Montagabend genommen, für den ein Flüchtling aus dem Sudan wegen versuchten Mordes, Waffenbesitzes und Todesdrohungen angeklagt wurde. Krawalle waren bereits befürchtet worden, doch die Appelle zur Zurückhaltung von Politikern und Polizei verhallten ungehört.

Damit kommt es nur wenige Tage nach dem Aufruhr rund um den Mord an dem Studenten Henry Nowak in Großbritannien erneut zu Krawallen, die einem immer ähnlichen Muster zu folgen scheinen. Die Sorge vor einem Sommer mit neuen Ausschreitungen und Krawallen nimmt damit zu.

Der britische Premierminister Keir Starmer verurteilte die Krawalle aufs Schärfste. "Die Szenen in Belfast letzte Nacht waren schockierend und völlig inakzeptabel", schrieb er in einem X-Beitrag. Menschen seien wegen ihrer Herkunft ins Visier genommen worden, "und das werde ich nicht tolerieren", versprach er. Die nordirische Regierungschefin, Michelle O'Neill, sprach auf X von "widerwärtiger Feigheit", bei der maskierte Männer Familien aus ihren Häusern vertrieben hätten.

Ein Video des Angriffs vom Montag, bei dem ein Mann schwer an Rücken, Gesicht und Augen verletzt worden war, machte in sozialen Netzwerken die Runde und wurde trotz Warnungen der Polizei vielfach geteilt. Wie bereits bekanntwurde, dürfte der Mann dabei ein Auge verloren haben.

Das Gericht lehnte indes eine Freilassung auf Kaution für den angeklagten Tatverdächtigen ab. Am 8. Juli soll er erneut vor der Justiz erscheinen. Der Mann sei vorher nicht polizeibekannt gewesen, hieß es von den Behörden. Ein terroristisches Motiv wurde zunächst ausgeschlossen. Der Mann soll sich bereits seit 2023 in Nordirland aufhalten.

Rechtsextreme und rassistische Krawalle sind in Großbritannien und Nordirland keine Seltenheit. Erst in der vergangenen Woche kam es in der südenglischen Stadt Southampton zu Krawallen am Rande eines Protests.

Auslöser war die Veröffentlichung von Bodycam-Aufnahmen, die einen schweren Polizeifehler nach der tödlichen Messerattacke eines Manns aus der Sikh-Gemeinschaft auf den Studenten Henry Nowak zeigten. Statt den Mörder festzunehmen, der sich als Opfer eines rassistischen Übergriffs darstellte, hatten die Polizisten Ende 2025 zunächst dem sterbenden Nowak Handschellen angelegt.

Zuvor waren zahlreiche Menschen – wie auch am Dienstag – einem Protestaufruf des Rechtsextremen Tommy Robinson gefolgt. Robinson ist einer der bekanntesten Rechtsextremen Großbritanniens und mehrfach vorbestraft. Auch US-Tech-Milliardär Elon Musk teilte im Vorfeld der Proteste zahlreiche Beiträge zu dem Messerangriff und rief etwa dazu auf, an den Protesten teilzunehmen.

In Nordirland haben gewaltsame Auseinandersetzungen eine traurige Tradition. Etwa drei Jahrzehnte lang standen sich im nordirischen Bürgerkrieg die meist katholischen Befürworter einer Vereinigung mit Irland den überwiegend protestantischen Anhängern der Union mit Großbritannien, Polizei und britischer Armee gegenüber.

Die "Troubles" endeten erst 1998 mit dem Karfreitagsabkommen. Bis heute bestehen trotzdem Segregation, territoriales Denken, paramilitärische Reststrukturen und Misstrauen gegenüber der Polizei als trauriges Erbe des Krieges fort.

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