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Neuer Seethaler-Roman: Wimmelbild einer Straße

Neuer Seethaler-Roman: Wimmelbild einer Straße

Neuer Seethaler-Roman: Wimmelbild einer Straße

Robert Seethalers Romane sind seit "Der Trafikant" Bestseller, geliebt von Publikum und Kritik für ihre präzise, zeitlos wirkende Sprache. Nun erschien sein neues Buch "Die Straße". Darin konstruiert der 59-jährige österreichische Autor aus vielen Stimmen und Perspektiven das Porträt der titelgebenden Straße, ihrer Bewohner und Bewohnerinnen – ein faszinierendes, aber durchaus forderndes literarisches Wimmelbild.

Ein Antiquar holpert Dutzende Male mit einem Handwagen über das Pflaster zum neu erworbenen Geschäftslokal in der Heidestraße, um dann monatelang auf seinen kostbaren Büchern sitzen zu bleiben, weil die Kundschaft ausbleibt. Um ihn herum wird währenddessen das jährliche Heidestraßenfest geplant, veranstaltet und danach wie immer wegen der Alkoholexzesse und Schlägereien kritisiert.

Die Bäckerin offeriert Brot und den neuesten Tratsch, das magistratische Bezirksamt schickt Verordnungen aus, und im Altersheim wird zunehmend lauter über das schlechte Essen geklagt. Seethaler lässt in "Die Straße" alle zu Wort kommen, die in ebendieser wohnen, arbeiten oder vorbeikommen: Dutzende Personen sind hier Protagonisten, aus ihrer Perspektive wird berichtet.

Seethaler gehört längst zu den meist übersetzten deutschsprachigen Autoren, seine Bücher erscheinen in mehr als 40 Sprachen und haben ein Publikum weit über den deutschen Sprachraum hinaus gefunden. Mit "Der Trafikant" landete er einen Überraschungserfolg, der internationale Durchbruch folgte mit "Ein ganzes Leben", das auf der Longlist zum International Booker Prize stand.

Seither wird er besonders für seine Fähigkeit gelobt, aus wenigen, präzise gesetzten Worten ganze Leben, ganze Milieus, ganze Epochen aufzuspannen. Seethaler selbst bezeichnet seinen Schreibprozess im ORF-Gespräch als mühsame Destillation: "Du sitzt da zu Hause und drückst dir Tropfen für Tropfen die Worte aus dem Herzen."

Das multiperspektivische Erzählprinzip ist in Seethalers Werk nicht neu: Schon in "Das Feld" (2018) ließ er 29 Tote deren Leben rekapitulieren, in "Das Cafe ohne Namen" (2023) kommt ein ganzes Grätzel im Wien der Nachkriegszeit zu Wort. In "Die Straße" taucht man nun in den Mikrokosmos einer fiktiven Straße ein. Deren Architekturgeschichte – von der Substanz aus dem 19. Jahrhundert bis zu den misslungenen Projekten der Gegenwart – skizziert Seethaler dabei nur ganz knapp. Der Mikrokosmos erschließt sich über die Figuren, die man durch die Handlung begleitet, jede mit ihrer eigenen Geschichte.

"Das ist schon etwas, was mich interessiert, wie spricht die Welt, nicht nur der Einzelne", so Seethaler im Gespräch. "Die Schwierigkeit oder die Herausforderung dabei ist, jedem einzelnen Stimmchen oder jeder großen Stimme auch einen ganz eigenen Charakter zu geben, ohne den eigenen zu verlieren."

Wer gerade am Wort ist, erschließt sich lediglich aus dem Kontext. Das ist anfangs anstrengend und verwirrend, mit der Zeit allerdings fasziniert dieses opulente Wimmelbild aus eleganter ornamentaler Sprache und derben Dialogen, leichtfüßigem Schmäh und politischer Brisanz.

Buchpräsentation: 3. Mai, 11.00 Uhr, Burgtheater.

Im Hintergrund der kurzen, oft nicht einmal eine Seite langen Einblicke schwingen unglückliche Liebe und durchzechte Nächte, Machtmissbrauch, Immobilienspekulation und Rassismus mit: etwa wenn die Mieter aus dem Haus Nr. 17 hinausgeekelt werden und zwei Menschen beinahe in der Manier von Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" wiederkehrend über Zuzug und Migration diskutieren. Diese frechen, pointierten Dialoge gehören zu den stärksten Momenten des Buches.

"Die Welt verändert sich, und die Veränderung interessiert mich auch", beschreibt Seethaler im ORF-Gespräch seinen Blick auf das Straßentreiben. "Viele Figuren in diesem Roman definieren sich selbst über den Widerstand gegen diese Veränderung. Manche gehen mit, manche lassen sich treiben oder werden sogar davongetrieben, abgeschleudert von diesem Rundlauf – und manche treiben ihn sogar voran."

Dabei dachte er beim Schreiben an "ein Mosaik, wie ein Kirchenfenster. Da sind ja die einzelnen Teilchen auch so scheinbar banal, aber beim Zusammenlegen ergibt sich dann doch hoffentlich ein großes Bild, durch das dann auch noch das Licht scheint und einen anderen Raum öffnet."

Seine Bewohner und Bewohnerinnen werden mit der Zeit zu alten Bekannten – und man verfolgt ihr Schicksal mit wachsender Anteilnahme, wenn die Heidestraße gegen Ende unter Druck gerät und sich das Leben existenziell zu verändern droht. "Die Straße" ist ein liebevoller und kniffliger Text, der seine Wirkung erst zögerlich entfaltet – und bei jedem Leseanlauf Neues, Übersehenes und Überraschendes bereithält.

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