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Hipp-Rückruf: Ermittlung wegen Erpressungsverdachts

Hipp-Rückruf: Ermittlung wegen Erpressungsverdachts

Hipp-Rückruf: Ermittlung wegen Erpressungsverdachts

Die Kriminalpolizei Ingolstadt in Bayern hat am Montag offiziell Ermittlungen wegen Verdachts der versuchten Erpressung des Babykostherstellers Hipp aus Deutschland bestätigt. Ein E-Mail der mutmaßlichen Täter sei seit Donnerstag bekannt. In Österreich, Tschechien und der Slowakei wurden seither fünf manipulierte Gläser vor dem Verzehr sichergestellt. Ein weiteres Glas könnte in Österreich mutmaßlich noch in Umlauf sein.

Die "Presse" hatte zuvor von einer mutmaßlichen Erpressermail, die bereits am 27. März bei Hipp in Deutschland eingelangt sein soll, berichtet. In der Mail seien der "Presse" zufolge bis 2. April zwei Millionen Euro gefordert worden. Weiters sei darin gedroht worden, vergiftete Gläser in Filialen in Tschechien, der Slowakei und im Burgenland zu platzieren. Die Mail sei von Hipp aber zu spät, nämlich erst am 16. April – also am Donnerstag –, gelesen worden, berichtete die Zeitung.

Nach dem Rückruf des gesamten Sortiments an Babykostgläschen von Hipp bei Spar Österreich war am Wochenende ein mit Rattengift vergiftetes Glas im Burgenland aufgetaucht. Am Sonntag wurde mitgeteilt, dass nach einem möglicherweise zweiten manipulierten Glas gesucht werde. Insgesamt könnten "Presse"-Informationen zufolge sogar zwölf verkaufte Gläser von den Vergiftungen betroffen sein.

Dass es sich um einen "mutmaßlichen Erpressungsversuch" handle, hatte die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) zunächst am Samstag online angemerkt. Sie strich diesen Hinweis später aus ihrer Pressemitteilung.

Nach dem Rückruf von Hipp-Babynahrung rief Gesundheitsministerin Korinna Schumann (SPÖ) am Montag weiterhin zu Vorsicht auf. "Es ist wirklich zutiefst bestürzend, dass jemand offenbar bereit ist, aus kriminellen Motiven die Gesundheit von Babys zu gefährden", sagte sie gegenüber Ö1.

Schumann mahnte zu besonderer Vorsicht, solange die Causa nicht geklärt ist. "Es kann ja nicht nur Babys betreffen, auch Menschen mit Behinderung nützen diese Gläser", so die Ministerin. Manipulierte Gläser sind laut Polizei an einem beschädigten Deckel oder am Fehlen des "Plopp"-Lauts beim Öffnen erkennbar. Zudem sollen die manipulierten Gläser einen weißen Aufkleber mit rotem Ring auf dem Glasboden haben. Auch auf den Geruch ist zu achten.

"Es gibt natürlich die Notrufnummer 144, aber ich darf auch auf die Vergiftungsinformationszentrale hinweisen, die man unter 01 406 4343 erreichen kann. Bitte seien Sie vorsichtig!", so Schumann.

Die Ermittlungen der burgenländischen Behörden konzentrierten sich am Montag intensiv auf die Suche nach dem zweiten Glas, das ebenfalls wie das bereits sichergestellte Hipp-Produkt von der Spar-Filiale in Eisenstadt stammen soll – mehr dazu in burgenland.ORF.at. Wie Sprecher Helmut Marban von der Landespolizeidirektion Burgenland gegenüber dem ORF erläuterte, wurden bereits Krankenhäuser, Kindergärten, Kinderkrippen und Pflegeeinrichtungen kontaktiert.

Die Suche wurde auf umliegende Gemeinden ausgeweitet, um dort Eltern von Kleinkindern über die potenzielle Gefahr zu informieren und das zweite Glas aus dem Verkehr zu ziehen. Zudem wurden am Sonntag die ungarischen Behörden über den Sachverhalt informiert, da das Glas eventuell auch von im dortigen Grenzgebiet ansässigen Personen hätte erworben werden können. In Tschechien und der Slowakei wurden ebenfalls markierte Gläser polizeilich sichergestellt.

Von der Staatsanwaltschaft Eisenstadt, die Ermittlungen wegen vorsätzlicher Gemeingefährdung aufgenommen hat, hieß es am Montagvormittag von Behördensprecherin Petra Bauer, dass sie vorerst keine Angaben zum toxikologischen Gutachten zum Inhalt des ersten sichergestellten Glases machen könne.

Hinweise hatte es konkret zum Artikel Hipp "Gemüsegläschen Karotte mit Kartoffel 190 Gramm" gegeben. "Auch wenn es keine Empfehlungen oder Anweisungen der Behörden gibt, nehmen wir das betroffene Produkt vorsorglich aus dem Verkauf", teilte die Drogeriemarktkette dm Österreich der APA mit.

"Außerdem werden sämtliche Produkte Hipp-Glaskost in allen dm-Märkten und in den Verteilzentren auf Beschädigungen des Deckels oder auf Kennzeichnungen überprüft." Für verunsicherte Konsumentinnen und Konsumenten gelte die Rücknahmegarantie für bei dm gekaufte Produkte.

Später zog auch die REWE-Gruppe nach: "Diese Rücknahme erfolgt rein präventiv, ohne Verdachtsmomente in unseren Märkten, ohne Anweisung der Behörden oder der Firma Hipp", hieß es. "Wir überprüfen darüber hinaus laufend Hipp-Produkte in unseren Märkten." Die Firma Hipp habe REWE offiziell informiert, dass die Hipp-Babykostgläschen in diesen Märkten nicht betroffen sind.

Deutsche Berichte, wonach neben dem Burgenland auch in Oberösterreich nach vergifteten Hipp-Gläsern gesucht wird, wurden unterdessen gegenüber der APA dementiert. Das Landeskriminalamt sei "involviert und in Kenntnis" sowie "in Abstimmung mit anderen Bundesländern", sagte Jasmin Reiter, Leiterin des Büros Öffentlichkeitsarbeit der Landespolizeidirektion Oberösterreich. Es gebe jedoch keine konkreten Ermittlungen im Bundesland. Bisher sei in Oberösterreich kein Fall eines vergifteten Gläschens aufgetreten.

"Gerade in solchen Situationen dürfen Eltern mit ihren Sorgen nicht allein gelassen werden", so die grüne Konsumentenschutzsprecherin Alma Zadic in einer Aussendung. "Es braucht eine zentrale Anlaufstelle im zuständigen Ministerium – eine Hotline, die rasch Hilfe, verlässliche Informationen und konkrete Hinweise bietet und vor allem im Umgang mit betroffenen Produkten Auskunft gibt."

Ernst Geiger, der ehemalige Leiter der Abteilung Ermittlungen, Organisierte und Allgemeine Kriminalität im Bundeskriminalamt, stellte im Ö1-Mittagsjournal zu einem möglichen Erpressungsversuch fest, dass dahinterstehende Täter bei früheren derartigen Fällen mit wenigen kontaminierten Produkten Druck aufbauen wollten, weil sie "Geld machen" wollten. Die Absicht, jemanden zu vergiften, sei in vergangenen Causen nicht die primäre Motivation gewesen.

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