Klima Biennale startet: Dystopischer Strand auf Wiener Karlsplatz
Glitzernder Sand und ein aufblasbarer Wal auf dem Wiener Karlsplatz: Die am Donnerstag startende, zweite Ausgabe der Klima Biennale lässt die Kunstaktion von Margot Pilz aus dem Jahr 1982, "Kaorle am Karlsplatz", wiederauferstehen – diesmal unter den Vorzeichen der Klimakrise. Das Klimakunstfestival findet heuer verkleinert und kompakter als zuletzt statt. Neben dem Karlsplatz steht das KunstHausWien ganz im Zeichen aktivistischer Kunst, die das Thema wieder verstärkt in den Fokus rücken will.
2024 wurde noch eine Festivalzentrale auf dem Gelände des Nordwestbahnhofs im zweiten Wiener Gemeindebezirk bespielt, diesmal rückt die Klima Biennale Wien unübersehbar ins Zentrum: 70 Tonnen Sand wurden auf dem Karlsplatz aufgeschüttet, im Brunnen treibt ein aufblasbarer Wal.
Einige Liegestühle laden zum Verweilen ein, aber Augen auf! Im Sand liegen ein kaputtes Boot und ein entwurzelter Baumstamm – und alles überragend türmen sich Pia Sirens großartig-dystopische "Oodi Palmtrees" auf, gebaut aus Hebebühnen mit Plastikplanen als Blättern.
Ist einem da noch zum Feiern zumute, wie im Jahr 1982? Damals landete Pilz mit "Kaorle am Karlsplatz" im Rahmen der Wiener Festwochen einen Publikumshit, der über Wochen zum konsumfreien Treffpunkt wurde. "1982 war es eine Idylle. Natürlich hat sich viel verändert", kommentiert Pilz im ORF.at-Gespräch die Reinszenierung, die nun die Doppelbotschaft aus Strandfeeling und Klimamahnung enthält. Die Neuauflage ihres "Lieblingsprojekts" sei für sie jedenfalls "die größte Freude", so die 89-jährige feministische Kunstpionierin beim Pressetermin.
Die Klima Biennale Wien geht heuer in ihre zweite Ausgabe, die im Vergleich zur ersten Edition verdichtet wurde. Anstelle von drei Monaten ist die Laufzeit von 9. April bis 10. Mai verkürzt. Der Fokus liegt auf dem Karlsplatz und der Hauptausstellung im KunstHausWien, insgesamt gibt es an 60 Orten in der ganzen Stadt Installationen im öffentlichen Raum oder kleinere Ausstellungen.
Kleiner, kompakter, das ist das heurige Credo. Zwar wurde das 1,5-Millionen-Budget von 2024 dem Vernehmen nach um zehn Prozent gekürzt, die Verkleinerung diene aber vor allem der besseren Zugänglichkeit, erklärte Festivalleiterin Sithara Pathirana bereits bei der ersten Programmpräsentation im Februar. Vor zwei Jahren war man mit einem ambitionierten Programm gestartet, das sich dem Publikum in Fülle und Kleinteiligkeit aber nicht immer erschloss.
Viel Energie floss damals zudem in die neu aus dem Boden gestampfte Festivalzentrale. Es fehlten die großen Leuchtturmprojekte, das macht man heuer ansatzweise anders – siehe "Kaorle am Karlsplatz".
Nicht ganz so monumental, aber nicht weniger überzeugend ist der 1:1-Nachbau eines Luxus-Offroad-SUVs aus einem Jute-Lehm-Weizen-Altpapier-Gemisch, der unweit des Karlsplatzes an der stark befahrenen Kreuzung beim Girardipark steht.
Die deutsche Künstlerin Folke Köbberling hat dafür eigens kompostierbares Material entwickelt und erwartet nun einen "skulpturalen Prozess mit offenem Ausgang. Wenn es sehr viel regnet in Wien, dann wird sich das Material natürlich schneller zersetzen und matschig werden – und sich auch olfaktorisch auswirken", so Köbberling über ihren Geländewagen.
Thematisch wurde es für die Klima Biennale heuer nicht leichter. "Die Erderwärmung schreitet voran, die Gletscher schmelzen und die Extremwetterereignisse nehmen zu. Und dennoch müssen wir feststellen, dass Klimathemen zunehmend in den Hintergrund treten und von wirtschaftlichen Sorgen und geopolitischen Konflikten verdrängt werden", fasste es KunstHaus-Direktorin Gerlinde Riedl bei der Pressekonferenz zusammen.
Um das Klimathema wieder präsenter zu machen, will die Biennale vermehrt auf Kunst setzen, die "mit Leichtigkeit Schwerwiegendes" verhandelt, und "Austauschmöglichkeiten" bieten. Die Festivalleiterin Sithara Pathirana betonte die Kraft der Kunst, Komplexes begreifbar zu machen. "Die Krisen überschlagen sich, das ist kaum mehr zu fassen", meinte sie in Bezug auf das heurige Leitmotiv "Unspeakable Worlds".
Zweites Herzstück der Biennale ist dabei die internationale Gruppenausstellung "Seeds" im KunstHausWien, die die Bedeutung von Samen und Saatgut als Spiegel unseres Verhältnisses zur Erde zum Inhalt hat. Kuratorin Sophie Haslinger versammelt 13 Positionen zu einem thematisch dichten Rundgang: Auf Zeichnungen der italienischen Künstlerin Marzia Migliora sprießen Samen, die in Pompeji versteinert worden sind.
Klima Biennale Wien. Von 9. April bis 10. Mai. Im Rahmen der Biennale findet am 13. und 14. April der zweitägige "Klimagipfel" zu Zukunftskreisläufen, Stadtentwicklung sowie Bildung und Partizipation statt.
Der Däne Tue Greenfort hat im Ausstellungsraum ein dreieckförmiges Minifeld angelegt, in dem er die fünf wichtigsten Monokulturpflanzen Österreichs angesetzt hat: Mais, Gerste, Weizen, Soja und Sommertriticale, eine Weizen-Roggen-Kreuzung, die als Futtergetreide genutzt wird. Auf den Mond und zurück geht es mit dem in Wien lebenden Künstler Christian Kosmas Mayer: Seine Installation nimmt auf die Mission "Apollo 14" Bezug, die Samen mehrerer Baumarten 34-mal um die Erde kreisen ließ. Trotz kosmischer Strahlung sprossen diese anschließend ohne Probleme.
Dass dennoch heute nur mehr 64 "Mondbäume" existieren, hat weniger mit dem Weltraum als mit den Bedingungen auf der Erde zu tun. In Mayers von der Decke hängendem Miniaturmond wächst ein zartes Pflänzchen der zweiten "Mondbaum"-Generation: ein Sinnbild für die Hoffnung und Fürsorge, die nun auch bei der Klima Biennale gedeihen sollen.