Mobilität im Alter als Schlüssel zu Lebensqualität
Selbst wenn der Alltag zuhause noch gut bewältigt werden kann, brauchen ältere Menschen oft Unterstützung, wenn es etwa um Fahrten zu Terminen geht. Im Waldviertel arbeiten dafür 34 Gemeinden zusammen. Denn Mobilität sichert u. a. Lebensqualität.
Ob ein Termin bei der Ärztin oder eine Einkaufsfahrt, ein Besuch beim Frisör oder eine Freizeitaktivität – wer selbst nicht mehr Auto fahren kann oder will, ist vor allem am Land schnell auf fremde Hilfe angewiesen. Maria Reisinger ist eine von rund 850 älteren Personen, die sich immer wieder Unterstützung durch das Projekt Nachbarschaftskultur holen.
"Meistens rufe ich zwei Tage vorher an, die geben das dann in die App ein, da können die Mitarbeiter dann schauen und wer Zeit hat, der fährt", erklärt Reisinger. Durch die App-Lösung behalten die 650 Ehrenamtlichen trotz ihres freiwilligen Engagements ihre Flexibilität. Ein Großteil davon sind Menschen, die selbst bereits in Pension sind.
Bei den Fahrten geht es nicht nur um das Abarbeiten von Besorgungen, sondern auch um die gemeinsame Zeit. Nicht selten sitzen Klienten und Ehrenamtliche nach den Terminen noch zusammen im Kaffeehaus.
"Es entstehen so nette Gespräche", schildert Ingrid Kleber, eine Ehrenamtliche der ersten Stunde, "man kann in Lebensgeschichten einsteigen. Ich bin oft wirklich beeindruckt, was die Herrschaften alle schon ihr ganzes Leben geleistet haben, wie die das gemanagt haben. Und es ist manchmal wirklich lustig und es baut mich genauso auf." Gleichzeitig merke sie, dass gerade jene, die alleine wohnen, oft einfach jemanden zum Reden brauchen.
Viele Klientinnen und Klientin seien noch sehr selbstständig, sagt Doris Maurer, Geschäftsführerin der Nachbarschaftskultur, würden aber eben bei Bedarf Unterstützung brauchen – und nicht immer könne diese nur von den Angehörigen kommen.
"Viele haben ein sehr gutes Familiennetzwerk", so Maurer, "aber sie wissen auch, dass sich die Tochter oder die Schwiegertochter oder der Schwiegersohn extra freinehmen muss, damit er oder sie die Fahrt zum Arzt oder zum Friseur tätigen kann."
Begonnen hat das Projekt mit zwei Gemeinden, mittlerweile sind 34 Orte dabei. Neben den Fahrten werden auch Besuchsdienste und Gruppenangebote wie etwa Erzählcafés organisiert. Ohne Freiwillige wäre ein solches Projekt weder finanziell noch personell umsetzbar, meint Obmann Günter Schalko, und auch für eine einzelne, kleine Gemeinde seien solche Bedarfsfahrten kaum allein zu stemmen.
"Mit fünf, sechs, sieben Ehrenamtlichen, die vier, fünf Klienten versorgen oder betreuen oder ihnen helfen, ist das zu instabil", sagt Schalko (ÖVP), der auch Bürgermeister von Eisgarn (Bezirk Gmünd) ist. "Ich brauche einen größeren Verbund, damit ich Ungleichheiten ausgleichen kann. Einmal habe ich mehr Ehrenamtliche, einmal habe ich mehr Klienten, einmal habe ich dort mehr Bedarf." Durch das Netzwerk habe jeder und jede die "Gewissheit, dass die Dienste, die gefordert werden, auch erfüllt werden".
Mobilität im Alter hänge aber nicht nur von Autofahrten ab, ergänzt Gloria Winkler vom Mobilitätsmanagement Niederösterreich im Waldviertel: "Wenn jetzt Gehsteige sehr, sehr schmal sind, ist das mitunter eine Herausforderung, wenn man jetzt nicht mehr so gut zu Fuß ist."
Ein weiterer Punkt seien ausreichend Sitzgelegenheiten: "Ältere Menschen müssen sich dazwischen öfter mal kurz hinsetzen und brauchen dementsprechend eine gewisse Anzahl an Bänken in regelmäßigen Abständen."
Durch die alternde Gesellschaft wird das Thema jedenfalls immer wichtiger, denn Mobilität ist auch ein Schlüssel zu Selbstständigkeit und mehr Lebensqualität, weiß Altersforscher Franz Kolland von der Karl Landsteiner Privatuniversität in Krems, der das Projekt auch wissenschaftlich begleitet. Neben der sozialen Komponente nütze das Projekt auch der Gesundheit, denn zahlreiche Fahrten würden zu Therapeuten oder ins Spital führen. Und durch die Beschäftigung komme das Projekt auch der Gesundheit der oft ebenfalls älteren Ehrenamtlichen zugute, so Kolland.
Für die Klientinnen und Klienten mache es dabei häufig einen großen Unterschied, ob sie von Angehörigen oder Ehrenamtlichen gefahren werden, weiß der Forscher: "Mit Angehörigen habe ich bereits so viel geredet und manche Konfliktfelder sind so stark, dass ich mit ihnen nicht sprechen kann. Da ist es gut, jemanden zu haben, der außerhalb der Familie steht. Dem kann ich Dinge erzählen, die ich meinem Angehörigen schon zehnmal erzählt habe und die dieser gar nicht mehr hören möchte."
Projekte wie jenes im Waldviertel würden sich "auf jeden Fall für die Gesellschaft" lohnen, meint Kolland abschließend. Das Projekt trage zur Vernetzung innerhalb der Gemeinden bei und decke durch die vielen Ehrenamtlichen große Teile der Region ab. Inwieweit das Projekt auch zur finanziell Entlastung beiträgt, wolle man noch errechnen, betont er.