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Forscher wollen alte Ski vor Verbrennung retten

Forscher wollen alte Ski vor Verbrennung retten

Forscher wollen alte Ski vor Verbrennung retten

Ausgediente Wintersportgeräte wie Ski und Schuhe landen derzeit meist im Müll und werden verbrannt. Ein Forschungsprojekt arbeitet in Niederösterreich derzeit an nachhaltigen Verfahren, um die Gegenstände künftig zu recyceln – ein Ziel mit vielen Herausforderungen.

Wintersport gehört in Österreich für viele Menschen zur Lebensrealität – eine Vielzahl an Skiern mit Bindung, Schuhen, Stöcken und Helmen sind im Umlauf. Doch was passiert, wenn diese ausgedient haben, ist weniger sichtbar: Die meisten werden großteils thermisch verwertet, also verbrannt.

Ein Grund dafür liegt im Aufbau der Produkte. "Ski-Equipment muss unter extremen Bedingungen funktionieren. Deshalb besteht es aus vielen unterschiedlichen Materialien, die stark miteinander verbunden sind", erklärt David Zidar von der Montanuniversität Leoben, der das Forschungsprojekt "WINTRUST" wissenschaftlich begleitet. Genau das macht aber das Recycling so schwierig.

Diese Kombination aus Materialvielfalt und Verbindungstechnik führt dazu, dass die einzelnen Bestandteile nur schwer voneinander getrennt werden können. Jeder Trennschritt verursache Aufwand, Kosten und oft auch Materialverluste.

Zidar beschreibt das Problem gegenüber noe.ORF.at anschaulich: Wenn Materialien stark miteinander verbunden sind, entsteht beim Trennen immer auch ein Anteil, der so verunreinigt ist, dass er nicht weiterverwendet werden kann. Genau deshalb würden viele dieser Produkte bisher nicht recycelt, sondern verbrannt werden.

In St. Pölten wird nun versucht, genau hier anzusetzen. In der GW St. Pölten werden ausgediente Wintersportartikel erstmals systematisch zerlegt. Die Produkte werden zunächst sortiert, etwa in Ski, Schuhe, Helme und Stöcke. Anschließend werden sie in ihre Bestandteile zerlegt, soweit das technisch sinnvoll ist.

Die einzelnen Materialfraktionen werden danach an Projektpartner weitergegeben, die sich mit der Aufbereitung beschäftigen, erklärt Christian Mosböck von der GW St. Pölten. Die eigentliche Herausforderung liege dabei weniger in der Zerlegung selbst als in der Logistik: Große Mengen unterschiedlichster Materialien müssen koordiniert, transportiert und weiterverarbeitet werden.

Das Projekt "WINTRUST" bringt laut den Projektbetreibern erstmals die gesamte Branche des Produktlebenszyklus zusammen: von Herstellern über den Handel bis hin zu Recyclingbetrieben und Forschungseinrichtungen. Ziel ist laut Projektleiterin Michaela Plank, "Wintersportartikel im Kreis zu führen und daraus wieder Wertstoffe zu gewinnen."

Die Idee: Materialien aus alten Produkten sollen wieder in neuen Produkten eingesetzt werden. Damit könnten Ressourcen geschont und Abfall reduziert werden. Im Labormaßstab gäbe es bereits Fortschritte. Laut Plank sei man in vielen Bereichen "sehr weit fortgeschritten". Je nach Produkt – etwa Skischuh, Ski oder Helm – gäbe es unterschiedliche Ansätze und Lösungen.

Der entscheidende Schritt steht jedoch noch bevor: die Übertragung in den industriellen Maßstab. Hier spielen nicht nur technische Fragen eine Rolle, sondern vor allem auch wirtschaftliche. "Die Ökonomie muss dahinterstehen", so Plank. Recyclingverfahren müssen nicht nur funktionieren, sondern auch konkurrenzfähig sein.

Genau hier sieht auch ecoplus-Clustermanager Thomas Gröger die größte Hürde. Derzeit befinde man sich noch klar in der Forschungsphase. "Wir sind von industriell umsetzbaren Prozessen noch relativ weit entfernt", sagt Gröger. Erste Produkte mit nennenswertem Recyclinganteil könnten in fünf bis zehn Jahren auf den Markt kommen.

Ein Problem: Die aufbereiteten Materialien können preislich oft nicht mit neuen Rohstoffen mithalten. Gleichzeitig erfordert das Recycling zusätzliche Schritte, etwa bei der Trennung und Aufbereitung. Damit sich ein funktionierendes System etablieren kann, braucht es laut Gröger größere Mengen und eine breitere Sammlung. Nur so könnten Skaleneffekte entstehen, die die Kosten senken.

Ein weiterer Punkt: Eine einheitliche Lösung gibt es nicht. Jedes Produkt stellt eigene Anforderungen. Ob Ski, Bindung oder Helm – die Materialzusammensetzung ist unterschiedlich, ebenso die Herausforderungen beim Recycling. Das bedeutet, dass für jedes Produkt eigene Verfahren entwickelt werden müssen.

Auch aus wissenschaftlicher Sicht ist das Projekt daher ein langfristiger Prozess. Neue Lösungen entstehen schrittweise. Oft würden mit jeder gelösten Herausforderung auch neue Fragen entstehen, sagt David Zidar von der Montanuniversität Leoben.

Das Projekt zeigt, dass Recycling von Wintersportartikeln grundsätzlich möglich ist. Gleichzeitig wird aber deutlich, wie komplex der Weg dorthin ist. Noch landen die meisten Ski und Co. im Müll. Damit sich das ändert, braucht es nicht nur technische Lösungen, sondern auch funktionierende Sammelsysteme, wirtschaftliche Modelle und die Zusammenarbeit einer gesamten Branche.

Beim Projekt "WINTRUST" gibt es laut Zidar jedoch entlang der Wertschöpfungskette eine breite Kooperationsbereitschaft: vom Hersteller über Shops und Verkäufer über Abfallwirtschaftszentren bis zur Wiederaufbereitung. Und es gäbe auch die Bereitschaft der Ski-Unternehmen, diese Materialien dann wieder in ihren eigenen Anlagen zu verwenden. Das Projekt läuft bis Herbst 2026 und wird u.a. durch Mittel der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) unterstützt.

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