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Leipziger Buchmesse: Buchpreis an Katerina Poladjan

Leipziger Buchmesse: Buchpreis an Katerina Poladjan

Leipziger Buchmesse: Buchpreis an Katerina Poladjan

Der Preis der Leipziger Buchmesse geht an die deutsche Autorin Katerina Poladjan für ihren Roman "Goldstrand". Das gab die Jury am Donnerstagnachmittag bekannt. Schon am Mittwochabend war die Messe eröffnet worden. Im Zentrum des Auftakts steht für gewöhnlich die Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung, doch heuer wurde der Abend vom Eklat rund um Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bestimmt. Weimer hatte drei linken Buchhandlungen ihre Auszeichnungen aberkannt.

In "Goldstrand" (S. Fischer) erzählt die in Russland geborene Poladjan eine heiter-melancholische Familiengeschichte über den bulgarischen Urlaubsort, der in den 1950er Jahren als sozialistische Utopie entstand. Auch ihr Protagonist stolpert über die Frage, "ob und wie man mithilfe der Kunst den Zumutungen des Daseins begegnen kann".

Poladjan emigrierte als Siebenjährige mit ihren Eltern aus Russland. Sie vergleiche nicht den sowjetischen Terror mit den jüngsten Ereignissen, betonte sie. Jedoch wecke "ein staatliches Handeln, das sich auf diffuse Weise auf nicht näher benannte geheimdienstliche Erkenntnisse beruft, dunkle Erinnerungen an eine erstickende Atmosphäre der Unsicherheit und Ohnmacht", sagte Poladjan unter Applaus. Der Preis der Leipziger Buchmesse ist mit 15.000 Euro dotiert.

Als bestes Sachbuch wurde Marie-Janine Calics "Balkan-Odyssee. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa" (C.H. Beck) ausgezeichnet. Mit ihrem Buch wolle sie "die überraschende, unbekannte Seite des Balkans" zeigen, erklärte die deutsche Historikerin. 10.000 Menschen hätten damals "Zuflucht gefunden in einer Zeit, in der die meisten Länder ihre Grenzen bereits geschlossen hatten".

Der Preis für die beste Übersetzung ging an den Österreicher Manfred Gmeiner für seine Übertragung von "Unten leben" aus dem Spanischen. "In Wien würde man jetzt sagen: ‚Na bumm'", zeigte sich der sichtlich gerührte Übersetzer erfreut. Er dankte dem Droschl Verlag für den Mut, das verschlungene, surreale 600-Seiten-Epos des peruanischen Autors Gustavo Faveron Patriau ins Programm zu nehmen.

Im Schatten der kulturpolitischen Debatte über Meinungsfreiheit und Zensur war die Eröffnung am Mittwoch über die Bühne gegangen. Weimers Rede, bei der er sich erneut rechtfertigte, wurde von lauten Buhrufen und Protesten in und vor dem Leipziger Gewandhaus begleitet. Von einem "Tribunal" für den Kulturstaatsminister schrieb der "Spiegel". Erneut wurden Rufe nach einem Rücktritt laut.

Den Hintergrund bildet die Debatte rund um den deutschen Buchhandlungspreis, die seit Wochen die mediale Diskussion in Deutschland prägt. 118 Buchhandlungen waren von einer unabhängigen Jury ausgewählt worden. Bei drei von ihnen schaltete Kulturminister Weimer den Verfassungsschutz "für eine Überprüfung" ein und ließ sie – trotz vorgesehener Auszeichnung – von der Liste streichen. Weimer verwies auf nicht näher ausgeführte "verfassungsrechtlich relevante Informationen".

In den vergangenen Wochen hatte die Literaturbranche geschlossen gegen Weimers Entscheidung mobilgemacht. "Weimer ruiniert sein Amt", schrieb etwa die "FAZ". Kritik kam am Mittwochabend auch vom Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz: "Diese Intransparenz des kompletten Vorgangs von A bis Z, die müssen wir Herrn Weimer nach wie vor vorwerfen", bemängelte Guggolz die fehlende belastbare Faktenlage.

Im Schatten dieser Ereignisse geriet der traditionelle Hauptakt der Messeeröffnung, die Verleihung des renommierten Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung – heuer an den bosnisch-kroatischen Schriftsteller Miljenko Jergovic –, beinahe ins Hintertreffen. Mit dem Debüt "Sarajevo Marlboro" über das belagerte Sarajevo der 1990er Jahre war Jergovic vor 30 Jahren schlagartig berühmt geworden – nach Sarajevo kehrt Jergovic nun auch in seinem neuen Erzählband "Das verrückte Herz" zurück.

In seiner Dankesrede beschwor der Autor die "Vielfalt der Welten", aus denen Europa bestehe. Europa lebe von "seiner Fähigkeit, zwischen den Welten zu übersetzen", so Jergovic weiter, "nur diese Einsicht" könne uns derzeit retten.

Die Buchmesse, die unter dem Motto "Wo Geschichten uns verbinden" vom 19. bis zum 22. März läuft, findet in schwierigen Zeiten statt. Die Branche hat aktuell mit der angespannten wirtschaftlichen Lage zu kämpfen. Auf die Messe selbst wirkt sich das aber offensichtlich nicht aus: 2.044 Aussteller aus 54 Ländern sind in Leipzig auf einer leicht gewachsenen Messefläche dabei, darunter auch 125 Aussteller aus Österreich.

Anders als in den vergangenen Jahren gibt es diesmal kein Gastland auf der Leipziger Buchmesse, mit dem Donauraum aber ein Fokusthema, das vom langjährigen ARD-Südosteuropa-Korrespondenten Stephan Ozsvath kuratiert wird. Sowohl Verbindendes als auch Trennendes entlang größten Stromes Mittel- und Südosteuropas soll verhandelt werden.

Das Bild der Donau "als einigendes Band Europas stimmt natürlich überhaupt nicht", so der Autor Karl-Markus Gauß, der sein neues Buch "Die Liebe kommt immer zu spät" über eine Reiseschriftstellerin der Zwischenkriegszeit auf der Buchmesse präsentiert. "Bloß weil wir einen Donauradweg haben, auf dem sich Scharen Richtung Südosten hinunterquälen, kann man nicht von einem ‚Fluss der Versöhnung' sprechen. Es war auch immer ein Ort, an dem Massaker stattgefunden haben."

Auch Erinnerungskultur, Geschichtserzählung und aktuelle politische Entwicklungen im Donauraum sind Thema: Der slowakische Schriftsteller und bekannte Oppositionelle Michal Hvorecky stellt etwa sein neues Buch "Dissident" vor, das von seinem Leben und dem deutlichen Rechtsruck unter Ministerpräsident Robert Fico erzählt. Auch Dimitre Dinev mit seinem Mitteleuropapanorama "Zeit der Mutigen" und Marko Dinic mit seinem "Buch der Gesichter" sind Teil des Programms.

Unter den österreichischen Neuerscheinungen ist auch Katherina Braschel mit ihrem Debüt "Heim holen" (Residenz Verlag) beim Donauschwerpunkt vertreten – schon auf der Pressekonferenz der Buchmesse nahm sie zu ihrer leichtfüßigen, aber gewichtigen Auseinandersetzung mit ihrer donauschwäbischen Familiengeschichte Stellung.

Das Buch ist als Spurensuche einer jungen Frau konzipiert, die zuvor nur die Familienfeste und eigenwillig klingende Wörter aus der Vergangenheit kannte, dann aber beiläufig von der SS-Vergangenheit ihres Großvaters erfährt, der ebenfalls zu jener Minderheit gehörte, die im Habsburgerreich entlang der Donau angesiedelt worden war.

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