Lawinen: Bergrettung trainierte Ernstfall
Beinahe jährlich kommt es in Niederösterreich zu einem großen Lawinenabgang, immer wieder auch mit Todesfolge. Rund 100 Einsatzkräfte trainierten deswegen am Freitag in Lackenhof (Bezirk Scheibbs) am Ötscher den Ernstfall.
Um Punkt 9.45 Uhr erhielt Michael Stulik, der Leiter der Bergrettung Lackenhof, im Rahmen der Übung eine Einsatzalarmierung: "Lawinenabgang mit wahrscheinlicher Personenbeteiligung – Riffelsattel, Ötscher". Was in den Folgeminuten passierte, ist im Ernstfall nicht weniger als lebensentscheidend: "Ab diesem Zeitpunkt wird ein fein abgestimmtes und genau koordiniertes Einsatzprozedere in Gang gesetzt", sagt Stulik.
"Da bei Lawineneinsätzen ein hoher Zeitdruck mit besonders vielen unbekannten Faktoren wie Verschüttungstiefen, Verortung und technischer Ausstattung vorherrscht, proben wir den Ernstfall mit unseren Partnern." Knapp 100 Einsatzkräfte der Bergrettungen Lackenhof, Lunz, Mitterbach (Bezirk Lilienfeld) und Mariazell, der Alpin- sowie Flugpolizei, von Notruf NÖ und des Roten Kreuzes fanden sich in den darauffolgenden Momenten am Ötscher unter der Leitung der Lackenhofer Bergretter ein, um den Lawineneinsatz unter realistischen Bedingungen zu erproben und zu perfektionieren.
Jedes Jahr kommt es in Niederösterreich zu Lawineneinsätzen, nicht selten mit Todesfolge. Grund dafür sei die "Fehleinschätzung, was die Gefahren von Lawinen anlangt", sagt Martin Angelmaier, Landesleiter-Stellvertreter der Bergrettung NÖ/Wien. "Viele erliegen aufgrund der Sozialen Medien dem Trugschluss, dass sie sich selbst aus den Schneemassen befreien könnten." Oftmals erreichen Schneebretter jedoch ein Gewicht von über 100 Tonnen.
Um Einsätze zu vermeiden, setzt die Bergrettung daher auf Prävention und Information. "Eigenverantwortung und Vorbereitung sind das beste Rüstzeug gegen die Todesgefahr Lawinen", sagt Angelmaier. Denn die Überlebenschance von Verschütteten sinkt nach den ersten 15 Minuten gegen null. Der Grund hierfür liegt in der massiven Wucht und Dichte der Schneemassen, die schnell die Luftzufuhr unterbinden. Hinzu kommen auch noch Traumata sowie die Unterkühlungsgefahr.
Alpine Vereine bieten regelmäßig sowohl Kurse zur Perfektion von Verhalten als auch Einsatz von technischen Hilfsmitteln bei Lawinenverschüttungen an. Im Falle eines Lawinenabganges mit Verschüttungsfolge seien Aufregung und Adrenalinspiegel bei Partnern von Verschütteten meist so groß bzw. hoch, dass viele die korrekte Abfolge des Prozederes vergessen würden, was Leben kosten könne, heißt es von der Bergrettung. Allein das konsequente Üben sorge für mehr Sicherheit am Berg. Zudem sollten Lawinenlage- und Wetterbericht genau studiert werden.
Lawineneinsätze sind für die verschiedenen Organisationen jedenfalls eine große Herausforderung. Denn Lawinenabgänge seien oft sehr unübersichtlich und würden sich über sehr weite Bereiche erstrecken. Hinzu kämen ein hoher Grad der Verschüttungsstreuung, unterschiedliche Verschüttungstiefen sowie natürliche Barrieren wie Baumgruppen, Felsvorsprüngen, starke Hangneigungen oder Mulden und Senken, erklärt Michael Hochgerner, Leiter des Alpindienstes der Landespolizeidirektion NÖ.
Neben den menschlichen Einsatzkräften kommen oft auch Lawinenhunde zum Einsatz. "Der Grund hierfür liegt in ihrer außergewöhnlichen Spürnase, womit die Hunde große Flächen in kurzer Zeit absuchen können. Oft schneller und effektiver als technische Hilfsmittel allein", so Franz Eggl und Julia Baier von der Lawinenhundestaffel. Dafür sind hunderte Millionen Riechzellen sowie die Atem- und Schnüffeltechnik der Vierbeiner verantwortlich.