Familienfilm: Russischer Kinohit erzürnt Nationalisten
Ein neuer russischer Kinderfilm über eine noch aus Sowjetzeiten bekannte Trickfilmfigur ist an den Kinokassen zum Hit geworden – und gleichzeitig zur Zielscheibe scharfer Angriffe nationalkonservativer Kreise in Moskau. Seit drei Wochen führt der Spielfilm "Tscheburaschka 2" mit echten Schauspielern und der Animationsfigur die Kinocharts in Russland an. Nationalisten behaupten aber, die süße Hauptfigur sei ein "heimatloser Kosmopolit", der die falschen Werte vermittle.
Nach Angaben des Portals Kinobusiness hat der Film seit seinem Start etwa 5,6 Milliarden Rubel (rund 62 Mio. Euro) eingespielt. Er ist damit auf dem Weg, seinen Vorgänger "Tscheburaschka 1" zu überholen und zum erfolgreichsten russischen Streifen aller Zeiten zu werden.
Auffällig sei jedenfalls, konstatiert das russische Exilmedium Meduza, dass seit Kriegsbeginn sehr viele neue Realverfilmungen von russischen Märchen und Zeichentrickklassikern wie "Prostokwaschino" und "Buratino" in die Kinos kamen.
Der Film baut wie sein Vorgänger auf die emotionale Bindung vieler Russen zur Figur Tscheburaschka. Geschaffen wurde das pelzige Fabelwesen, ein "der Wissenschaft unbekanntes Tier" mit großen Ohren, 1966 vom bekannten Schriftsteller Eduard Uspenski. Seinen Siegeszug trat der aus einer Orangenkiste entspringende Tscheburaschka später in einer Reihe sowjetischer Trickfilme an, in denen er mit seiner Liebe zu Orangen, viel Witz und Güte die Herzen der Kinder eroberte.
Der Plot, der nicht auf Uspenskis Büchern basiert, ist relativ einfach: Das Leben von Tscheburaschka und seinem Freund und Mentor Gena, einem Krokodil, in Sotschi wird auf den Kopf gestellt, als ein gieriger Unternehmer ihnen das Haus für einen Vergnügungspark wegnehmen will. Tscheburaschkas Versuche zu helfen führen Chaos herbei – und zum Bruch zwischen ihm und Gena. Doch am Ende – nach einer Odyssee durch die Wildnis – wird alles gut, und die beiden versöhnen sich wieder.
Der recht harmlose Film rief überraschend erboste Reaktionen hervor: Einer der schärfsten Kritiker ist der politisch einflussreiche rechtsnationalistische Ideologe Alexander Dugin. Der glühende Befürworter des Krieges gegen die Ukraine, der als einer der Einflüsterer von Kreml-Chef Wladimir Putin gilt, bezeichnete Tscheburaschka schon nach dem Start des ersten Films 2023 als "wurzellosen Kosmopoliten". Das ist ein Kampfbegriff, mit dem zum Ende der Stalin-Zeit prowestlich eingestellte Intellektuelle – vor allem Juden – gegeißelt und verfolgt wurden.
Er nannte Tscheburaschka einen Inbegriff von Geschäftemacherei und geistiger Zurückgebliebenheit, was zum Zerfall der Sowjetunion geführt habe. Er hatte schon lange vor Kriegsbeginn die Zerstörung und Einverleibung der Ukraine gefordert. Seine Tochter Darja Dugina, ebenfalls eine Kriegspropagandistin, starb 2022 bei einem Autobombenanschlag.
In seinen neuesten Ausfällen sprach Dugin gar von einem Symbol des Teufels. "Tscheburaschka ist die konzentrierte Form des Schwachsinns, gegen den ich mein Leben lang gekämpft habe", schrieb er kurz nach Kinostart auf seinem Telegram-Kanal. Nachdem seine erste Kritik kurz nach Silvester eher verhallt war, legte er später nach.
Und das fand schließlich Widerhall, als in der vergangenen Woche das Kulturkomitee des russischen Parlaments tagte. Dort artete die Diskussion über die staatliche Filmfinanzierung schnell zur Generalabrechnung mit angeblichen Vaterlandsverrätern in der Kinoindustrie und der Forderung nach schärferen Kontrollen für Filmschaffende aus.
Viele derjenigen, die es nicht geschafft hätten, in den Westen zu fliehen, produzierten nun Märchenfilme. Vor dem Krieg hätten sie nach dem Vorbild Andrej Swjaginzews, der in Filmen wie "Lewiatan" und "Elena" soziale Probleme des Landes thematisierte, Filme gedreht, die Russland in den Schmutz zögen, behauptete der Abgeordnete Iwan Mussatin.
Auch Tscheburaschka bekam dabei sein Fett ab: Der Film "verdirbt unsere Kinder", beklagte der Vizechef des Kulturausschusses, Dmitri Pewzow. Der einst populäre Schauspieler sitzt seit einigen Jahren in der Staatsduma und hat zuletzt vor allem Schlagzeilen mit seinen ultrakonservativen Ansichten und Kriegspropaganda gemacht.
Dem Film fehle eine klare Moral und Vorbildfigur, meinte Pewzow, woraufhin eine weitere Abgeordnete eine noch schärfere Zensur forderte. Seit Jahren finanziert der russische Staat ohnehin bevorzugt Kriegsfilme und solche, in denen der Hauptheld dem Moralkompass der konservativen Staatsführung entspricht.
Auch in einer Duma-Sitzung zur Finanzierung von Kinder- und Trickfilmen kritisierten die Abgeordneten, dass diese insgesamt ihrer "Erziehungsfunktion" zu wenig nachkämen. So sollten etwa mehr Großfamilien porträtiert werden, damit die Vorgabe Putins nach einer höheren Geburtenrate berücksichtigt werde, forderte die kommunistische Abgeordnete Maria Prussakowa.
Vizekulturministerin Schanna Alexejewa gab bei der Veranstaltung die Richtlinien für die Filmfinanzierung bekannt. Russland solle als modernes Land mit der Möglichkeit zur Selbstverwirklichung gezeigt werden. Auch "Heldentum und die Aufopferung unserer Kämpfer" sollen in geförderten Filmen Platz finden. Immerhin verteidigte Alexejewa "Tscheburaschka": Den Film hätten schließlich inzwischen fast zehn Millionen Russen gesehen; und wäre er nicht so interessant, wären sie wohl kaum ins Kino gegangen, meinte sie.