Krisenintervention in Ausnahmesituationen
Die Brandkatastrophe in Crans-Montana in der Schweiz weckt Erinnerungen an Kaprun, wo vor 25 Jahren bei einem Brand in der Gletscherbahn 155 Menschen ums Leben gekommen sind. Mitglieder des Kriseninterventionsteams beschreiben im Interview, was Angehörige in solchen Situationen brauchen.
Ingo Vogl, damals Mitorganisator der Krisenintervention in Kaprun und bis vor kurzem Leiter des Kriseninterventionsteams des Roten Kreuzes in Salzburg erklärt im Interview mit Susanne Krischke, dass das Wichtigste für die Angehörigen kurz nach einer solchen Katastrophe Kommunikation und Information sei.
Häufig bräuchten Angehörige konkrete Begleitung. Das betreffe nicht nur den Umgang mit der Information über Verletzungen von einem nahestehenden Menschen oder gar seinem Tod, sondern auch den mit der Ungewissheit, wenn noch keine genauen Informationen vorliegen. Eine weitere Frage von Angehörigen, sei häufig, wie sie selbst Information weitergeben sollen, etwa an Kinder oder andere Angehörige. Vogl: "Da kann die Krisenintervention gut unterstützen."
Die unterschiedlichen Bedürfnisse von Angehörigen kennt auch Detlef Schwarz, Leiter der Notfallseelsorge der Erzdiözese Salzburg und Teil des heutigen Kriseninterventionsteams. Oft würden die Angehörigen zwischen Verzweiflung und Hoffnung schwanken, sagt Schwarz. Er hat erlebt, dass Familienangehörige auch von Schuldgefühlen geplagt werden. Menschen meinen, dass sie möglicherweise Einfluss darauf nehmen hätten können, dass alles anders gekommen wäre. Schwarz: "Hier geht es wirklich darum, auch diese Schuldgefühle zu relativieren und die Menschen zu stützen."
Über ihre Erfahrungen in der Krisenintervention berichten Ingo Vogl und Detlef Schwarz in "Religion Aktuell": Krisenintervention.
Aufgabe der Notfallseelsorge sei es zudem bei Bedarf dabei zu helfen, spirituelle Bedürfnisse und Rituale verschiedener Religionen zu erfüllen und Kontakte zu den Vertretern konkreter Religionsgemeinschaften herzustellen, so Schwarz: "Der Zugang zu Sterben, Tod, Trauer und Abschied kann in den verschiedenen Religionen oder auch Konfessionen sehr, sehr unterschiedlich sein."
Bei Menschen, die die Gewissheit haben, dass ihr Angehöriger verstorben ist, könne wie Schwarz erklärt, auch so etwas wie spirituelles Leid entstehen. Das heißt, es könne die Frage aufkommen, wie ein Gott, an den bisher als guter und liebender Gott geglaubt wurde, so etwas zulassen kann. In einem solchen Fall sei es Schwarz zu Folge wichtig als Seelsorger beziehungsweise Seelsorgerin ein Gegenüber zu bilden, "um diese Klage, die ja berechtigt ist, anzunehmen."
Was das Kriseninterventionsteam aus der Brandkatastrophe in Kaprun gelernt hat, ist, die Bedürfnisse großer Gruppen und in ihnen ebenso individuelle Bedürfnisse wahr- und ernst zu nehmen. Vogl zufolge sei es wichtig, das Augenmerk "sowohl auf verschiedene Sprachen, aber natürlich auch auf verschiedene Religionen zu legen und hier für jeden Einzelnen bestmöglich die Bedürfnisse abdecken zu können." Dazu gehöre auch zuzuhören und die Zeit gemeinsam auszuhalten.