Erster Auftritt seit Jänner: Friedensnobelpreisträgerin zeigt sich in Oslo
Friedensnobelpreisträgerin Maria Corina Machado ist Stunden nach der offiziellen Preisverleihung in der norwegischen Hauptstadt Oslo eingetroffen. Erst am Mittwoch hatte ihre Tochter die Auszeichnung stellvertretend entgegengenommen und eine Rede ihrer Mutter verlesen. Am Donnerstag soll Machado das norwegische Parlament besuchen und Regierungschef Jonas Gahr Störe treffen, geplant ist eine gemeinsame Pressekonferenz.
Die venezolanische Oppositionsführerin zeigte sich in der Nacht auf Donnerstag auf einem Balkon des Grand Hotel in Oslo. Danach begrüßte die Gegnerin des autoritären Staatschefs Nicolas Maduro unten auf der Straße ihre Anhängerinnen und Anhänger. Diese hatten zuvor die venezolanische Nationalhymne angestimmt und "Libertad, libertad" skandiert.
Medienberichten zufolge war Machado von Venezuela zunächst per Boot auf die Karibik-Insel Curacao gebracht worden und dann mit einem Privatflugzeug über die USA nach Norwegen geflogen. Nach ihrem Besuch in Norwegen will sie in ihr Heimatland zurückkehren, in dem sie im Untergrund lebt. "Natürlich kehre ich zurück", sagte sie am Donnerstag der britischen BBC. Sie sei sich der Risiken, die sie eingehe, vollkommen bewusst. Sie wolle aber an dem Ort sein, "wo ich unserer Sache am nützlichsten sein kann".
Sie habe ihre drei Kinder, die aus Sicherheitsgründen im Exil leben, sehr lange nicht gesehen, so Machado gegenüber der BBC. Nach über 16 Monaten habe sie die Menschen, die sie am meisten liebe, wieder berühren können, mit ihnen geweint und gebetet.
Machado war am Mittwoch in Abwesenheit "für ihren unermüdlichen Einsatz für die demokratischen Rechte des venezolanischen Volkes und für ihren Kampf für einen gerechten und friedlichen Übergang von Diktatur zur Demokratie" mit dem diesjährigen Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Da sie es nicht pünktlich zu der Zeremonie schaffte, nahm ihre Tochter Ana Corina Sosa Machado den Preis im Osloer Rathaus für sie entgegen.
"Wir dürfen das Regime nicht als konventionelle Diktatur sehen, sondern als kriminelle Struktur", sagte sie der BBC. Machado beschuldigte das Regime, durch kriminelle Aktivitäten wie Drogen- und Menschenhandel finanziert zu werden, und wiederholte die Aufrufe an die internationale Gemeinschaft, Venezuela zu helfen, "diese Zuflüsse krimineller Ressourcen zu reduzieren".
Machado argumentiert damit ähnlich wie die US-Regierung, die seit Monaten Druck auf Venezuela ausübt, unter anderem durch Angriffe auf mutmaßliche Drogenschmugglerboote, Drohungen mit Militäreinsätzen und der Einstufung des angeblichen Kartells "Cartel de los Soles" als ausländische Terrororganisation. Viele Experten bezweifeln, dass es ein solches Drogenkartell wirklich gibt: Die Bezeichnung "Cartel de los Soles" wurde bisher eher als Beschreibung der korrupten Politik- und Militärelite verwendet.
Auf die Frage, ob sie angesichts der jüngsten Angriffe Washingtons auf angebliche Drogenboote einen US-Militärschlag auf venezolanischem Boden unterstützen würde, antwortete Machado nicht direkt, sondern beschuldigte Maduro, die Souveränität des Landes an kriminelle Organisationen zu verschenken.
"Wir wollten keinen Krieg, wir haben nicht danach gesucht ... es war Maduro, der dem venezolanischen Volk den Krieg erklärte", so Machado. Nachdem sie im Oktober zur Friedensnobelpreisträgerin gekürt worden war, hatte Machado US-Präsident Donald Trump für seinen Einsatz in Venezuela gedankt.
Machado ist die wichtigste Vertreterin der venezolanischen Opposition. Sie war im vergangenen Jahr die treibende Kraft hinter dem Wahlkampf des Oppositionskandidaten Edmundo Gonzalez, der die Präsidentenwahl nach Einschätzung der Regierungsgegner und zahlreicher Drittstaaten gewann. Trotz der Betrugsvorwürfe ließ sich Maduro zum Sieger erklären. Gonzalez ging daraufhin nach Spanien ins Exil. Auch zahlreiche andere Oppositionelle sind längst ins Ausland geflohen.
Die venezolanische Regierung kritisierte die Nobelpreiszeremonie als politische Show. Vizepräsidentin Delcy Rodriguez sagte im staatlichen Fernsehen: "Das sah aus wie eine Totenwache, es war ein totaler Misserfolg. Die Show ist gescheitert, denn die Dame (Machado) ist nicht erschienen." Die Auszeichnung für die venezolanische Oppositionsführerin bezeichnete Rodriguez als einen "mit Blut befleckten Preis".
In Venezuela wird unter anderem wegen Vaterlandsverrats gegen Machado ermittelt. Vor ihrer Reise nach Oslo lebte sie seit über einem Jahr weitgehend im Untergrund. Die Staatsanwaltschaft hat angekündigt, Machado als flüchtig zu betrachten, sollte sie das Land verlassen.
Bei einer Rückkehr nach Venezuela könnte sie festgenommen werden. Denkbar wäre aber auch, dass ihr die Einreise in ihr Heimatland verweigert wird. "Das Regime ist sehr deutlich geworden. Maduro hat gesagt, dass sie mich töten werden, wenn sie mich erwischen", hatte Machado zuletzt in einem Videointerview mit dem norwegischen Rundfunksender NRK gesagt.