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DHM-Ausstellung: Was wäre, wenn das Deutsche Reich nie existiert hätte?

DHM-Ausstellung: Was wäre, wenn das Deutsche Reich nie existiert hätte?

Hätte 1989 anders ausgehen können? Hätte die Stalin-Note von 1952 bereits die Wiedervereinigung gebracht? Das Deutsche Historische Museum in Berlin will zeigen, dass auch andere Wege möglich gewesen wären. Doch es bleiben viele Fragen offen.

Die Frage „Was wäre, wenn?“ gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen der Menschheit. Ihr Reiz liegt darin, dass sie doch nie zu beantworten sein wird – und deshalb zu potenziell endlosen Diskussionen führt. Gibt es ein probateres Mittel gegen den ewigen Feind, die Langeweile? So geht’s dann los: Was wäre gewesen, wenn das Jugendidol einen tatsächlich erhört hätte? Oder in den Twen-Jahren ein anderes Job-Angebot geklappt hätte? Und wo ein Großphilosoph wie Lothar Matthäus mit einem „Wäre, wäre, Fahrradkette“ vor der Kamera Souveränität suggeriert, ist die Lage für andere Zeitgenossen deutlich komplizierter.

Vor allem Historiker sind immer wieder mit dem Problem konfrontiert, dass viele Ereignisse der Weltgeschichte ganz anders hätten ausgehen können, als sie es taten. Nun hat dieser Berufsstand ohnehin mehr zu erforschen, als je zu überblicken sein wird, und sollte deshalb mit dem tatsächlichen Geschehen voll ausgelastet sein. Doch auch beim eingefleischtesten Faktenhuber schwingen alternative Geschichtswege immer mit – und sei es nur als Gegenwelt, die die Wirklichkeit schärfer umreißt.

Aber natürlich gibt es auch Gelehrte, die dem Problem möglichst systematisch auf die Spur kommen wollen. Dies passiert vor allem, weil es den Profi davor bewahrt, vom Schreibtisch aus Sinn in Ereignisse hineinzulesen, die keinen ergaben, und Zusammenhänge zu konstruieren, die nie existierten. Das war das Anliegen des Althistorikers Alexander Demandt, der mit seinem Buch „Ungeschehene Geschichte. Ein Traktat über die Frage: Was wäre geschehen, wenn ...?“ Pionierarbeit geleistet hat.

Im Deutschen Historischen Museum in Berlin (DHM) versucht sich derzeit wieder ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern unter Führung des emeritierten Professors für Moderne Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem Dan Diner an dem Thema. Unter dem Titel „Roads not Taken. Oder: Es hätte auch anders kommen können“ beleuchtet die Ausstellung 14 historische Prozesse in umgekehrt chronologischer Reihenfolge.

Das Themenspektrum beginnt bei der Revolution von 1989 und erstreckt sich über die Ostpolitik Willy Brandts, die Stalin-Note, den Nationalsozialismus, Weimar und die Reichsgründung von 1871 zurück bis zur Revolution von 1848. Es ist damit ein strammes Programm, das den Besuchern geboten wird. Den Aufbau jeder Sektion kann man nur als formal schlüssig bezeichnen. Anhand von Bildern, Filmen, Texten wie Zeitungsschnitten und Reden, aber auch vereinzelten Artefakten wie Kleidungsstücken gibt die Ausstellung einen breiten Einblick in das, was tatsächlich passiert ist.

Dies ist umso notwendiger, als gerade historische Laien selbstredend zunächst einmal die Faktenlage kennen sollten, bevor sie ein Urteil über das fällen, was als alternativer Verlauf angeboten wird. Merkwürdig erscheint dem Betrachter, wie kurz abgehandelt wird, was hätte passieren können. Normalerweise findet sich zu diesem Thema lediglich eine Tafel mit ein paar dürren Sätzen darauf.

Dan Diner erläutert, dass er eben keine „kontrafaktische Geschichtsschreibung“ habe betreiben wollen. Seine Definition des Begriffs ist allerdings recht speziell: Als kontrafaktisch gilt ihm nicht, kurz anzureißen, was hätte sein können – obwohl das die landläufige Definition erfüllt –, sondern aus dieser Geschehenslage einen ganzen Geschichtsverlauf zu konstruieren. Da geht’s dann aber vom Kontrafatischen schnell ins Fiktionale. Doch dies ist nicht der einzige Punkt, der an dem Konzept für die Ausstellung erklärungsbedürftig ist.

Die entscheidende Schwierigkeit besteht darin, dass DHM-Sammlungsdirektor und Projektleiter Fritz Backhaus eben wegen der Spannbreite Prozesse zusammenbringt, bei denen sich die Frage stellt, ob sie analytisch zusammengehören. Backhaus‘ zentrale Kategorie ist der „Möglichkeitsraum“ – ob also zu einem bestimmten Zeitpunkt Voraussetzungen geherrscht haben, aus denen sich eine ganz andere Ereignislage hätte ergeben können als die überlieferte. Doch wer die Voraussetzungen prüft, die er in seinen Beispielen anführt, dem fallen diverse Ungleichheiten auf.

Am erstaunlichsten erscheint, dass beispielsweise im Falle des Korea-Kriegs auf der entsprechenden Tafel gar kein alternativer Geschichtsverlauf zu lesen ist, sondern ganz einfach die Ereignisse so benannt werden, wie sie sich abgespielt haben: In dem, was von Deutschland übriggeblieben war, gab es trotz schärfster Konflikte keinen Krieg zwischen West und Ost – der wurde dafür ab 1950 in Korea ausgetragen. Das „Es hätte auch anders kommen können“ bezieht sich in diesem Fall wohl darauf, dass im besetzten Deutschland der Besatzer jederzeit ein bewaffneter Konflikt hätte aufflammen können.

Ansonsten gibt es auch Beispiele, die sich ausgezeichnet in das Konzept des „Möglichkeitsraums“ einfügen. Am besten passt gleich der Beginn der Ausstellung, die friedliche Revolution in Deutschland von 1989. Hier lag angesichts der Leipziger Demonstrationszüge ganz konkret die Frage auf dem Tisch, ob die staatlichen Machtapparate der DDR – allen voran die Stasi – diese Bewegungen nicht mit Gewalt auflösen sollten. Unwahrscheinlich wäre das nicht gewesen. Anfang Juni 1989 hatte die chinesische Regierung auf dem Platz des Himmlischen Friedens genau diese Methode gewählt, und die DDR-Regierung schickte Solidaritätsadressen.

Doch geraten andere „Möglichkeitsräume“ schnell an ihre Grenzen. Besonders eklatant fällt dies in zwei Sektionen auf, einmal bei der Stalin-Note 1952 und einmal bei der Frage, ob sich die Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 hätte verhindern lassen. Das Angebot des Sowjet-Führers, Deutschland als vereinigtes Ganzes aus den Blöcken zu entlassen, mochte die DDR-Propaganda als riesiges Zugeständnis feiern, das für alle Zeiten den Friedenswillen des Mannes im Kreml untermauere.

Im Westen gab es ebenfalls Stimmen, die den Schritt für erwägenswert hielten. Keineswegs aber existierte dort in der Bevölkerung irgendeine Art von Rückhalt für die potenzielle Entscheidung, auf die Note einzugehen – nicht zuletzt, weil die Erinnerungen an den Russlandfeldzug und das Verhalten von Rotarmisten nach 1945 sich in viele Köpfe eingebrannt hatten.

Um einen „Möglichkeitsraum“ für die Stalin-Note zu schaffen, müssen Backhaus und Diner aber genau das Gegenteil behaupten. Auf der Tafel zu dem, was hätte passieren können, steht: „Die Stalin-Note stößt in der Bundesrepublik auf breite Zustimmung.“ Daraus wird dann abgeleitet, dass die Sowjetunion freie Wahlen zugelassen hätte und „das Jahr 1952 nicht als bedeutendes Jahr des europäischen Einigungsprozesses in die Geschichte“ eingegangen wäre, „sondern als dessen Ende und als Anbeginn einer deutsch-russischen Annäherung“. Wo aber nie breite Zustimmung war, gibt es keine Möglichkeit für das entwickelte Szenario. Der „Raum“, um in Backhaus’ Diktion zu bleiben, tat sich nie auf.

Dasselbe passiert mit Blick auf Otto von Bismarcks Reichsgründung. Bekanntlich fand vor 1871 eine Reihe von Kriegen statt. Für die Vorstufe des späteren Reichs, den Norddeutschen Bund, brauchte der preußische Kanzler einen Sieg über Österreich, das sich gegen ein mächtiges Gebilde im Norden gestellt hätte. Der gelang ihm 1866 überzeugend bei Königgrätz – die preußischen Truppen zeigten sich ihren Kontrahenten in fast allen Belangen überlegen.

Die entsprechende Tafel mit dem alternativen Verlauf beginnt mit den Worten: „Österreich siegt militärisch über Preußen.“ Da bleibt die Frage: Wie um alles in der Welt hätte das gelingen sollen? Der „Möglichkeitsraum“ zerbröselt. Interessant ist zu lesen, wie es weitergeht: „Politisch sind dadurch die ,Mindermächte’ – das ,dritte Deutschland’ bestehend aus Staaten wie Bayern, Hannover, Sachsen, Württemberg – im Vorteil. Sie beleben den Deutschen Bund in einer föderalen Struktur.“

In dieser Konstruktion wird Frankreich zur „Garantiemacht“ einer „weichen“ europäischen Mitte. Die Tafel endet: „Zu einer deutschen Reichsgründung unter preußischen Vorzeichen und damit einer ,harten’ Mitte Europas kommt es nicht.“ Auch das ist eine bemerkenswerte Wortwahl. Was immer die Anführungsstriche bei „hart“ relativieren sollen, es offenbart sich ein Geschichtsverständnis, dessen Verfechter Bismarcks Gebilde gewiss nicht unvoreingenommen gegenüberstehen.

Fritz Backhaus will mit der Schau, die zwei Jahre lang zu sehen sein soll, neue Diskussionen fördern. Das ist ein edles Anliegen. Niemand wird bestreiten, dass das Team hinter der Ausstellung großen Aufwand betrieben hat und es eine Menge über die faktische Geschichte seit 1848 zu sehen und zu lernen gibt. Und doch besteht eine Gefahr. Die handwerklichen und analytischen Mängel könnten dafür sorgen, dass die Diskussionen, die Backhaus anstößt, sich in erster Linie darum drehen, ob die Schau ihr Versprechen einlöst.

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