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RS-Virus: Welche Symptome hat ein schwerer Verlauf bei Kindern?

RS-Virus: Welche Symptome hat ein schwerer Verlauf bei Kindern?

Derzeit stecken sich viele Kinder mit dem RS-Virus an. Eltern sind in Sorge: Was sind Anzeichen für einen schweren Verlauf? Und kann ich mein Kind schützen? Ein Kinderarzt gibt Antworten.

Düsseldorf Am RS-Virus kann man in jedem Alter erkranken. Vor allem aber Säuglinge und Kleinkinder sind durch den auch als Respiratorisches Synzytial-Virus (RSV) bekannten Erreger gefährdet. Eine Erkrankung kann sich als leichter Atemwegsinfekt äußern. Aber auch schwere Verläufe bis hin zum Tod sind möglich.

Welche Symptome für eine Infektion mit dem RS-Virus sollten Eltern kennen und ernst nehmen? Kann man sein Kind vor einer Ansteckung schützen? Experten beantworten die wichtigsten Fragen.

Das Respiratorische Synzytial-Virus befällt die oberen und unteren Atemwege. Es ist ein RNA-Virus aus der Gattung der Orthopneumoviren. Es gibt dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge zwei Gruppen von RS-Viren, A und B. Sie unterscheiden sich in der Antigenstruktur. RSV A dominiert hierzulande jedoch in den meisten Jahren.

Das RS-Virus überträgt sich nach RKI-Angaben in erster Linie durch Tröpfcheninfektion von einem ansteckenden Menschen. Auch eine indirekte Ansteckung über kontaminierte Hände, Gegenstände und Oberflächen gilt als möglich.

Das RS-Virus gelangt über die Bindehaut der Augen und die Nasenschleimhäute in den Körper. Das Virus vermehrt sich dann in den Schleimhäuten der Atemwege. Die Inkubationszeit beträgt im Schnitt fünf Tage.

Eine RSV-Infektion ist laut dem RKI üblicherweise selbstbeschränkend. Die Atemwege regenerieren sich innerhalb von vier bis acht Wochen.

Am meisten gefährdet durch RSV sind ganz kleine Kinder zwischen null und sechs Monaten. „Was beim großen Geschwisterkind vielleicht etwas Rotz in den oberen Atemwegen ist, kann bei den ganz Kleinen Atemnot sein“, sagt Sven Armbrust. Er ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums in Neubrandenburg.

Dem Kinderarzt zufolge greift das RSV-Virus das Lungengerüst an, was den Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid im Blut erschwert. Bei Säuglingen in den ersten Lebensmonaten ist die Anatomie der Atemwege ohnehin sehr viel feiner und damit empfindlicher. Eine RSV-Infektion kann daher zu einer Bronchiolitis führen, einer Entzündung der kleinen Bronchien, oder zu einer Lungenentzündung. Auch eine gleichzeitige Entzündung von Luftröhre und Bronchien ist nach RKI-Angaben möglich. Es kommt dann häufig auch zu Fieber.

Eine Erkrankung durch RS-Virus kann sich dem RKI zufolge in einer einfachen Atemwegsinfektion äußern. Aber auch eine schwere Infektion der unteren Atemwege kann der Erreger auslösen, also in der Lunge und den Bronchien. Eine Erkrankung kann aber auch ohne erkennbare Symptome verlaufen.

In der Regel macht sich das RS-Virus in den ersten ein bis drei Tagen über folgende Symptome bemerkbar:

Nach etwa drei Tagen können sich zudem Beschwerden in den unteren Atemwegen zeigen. Dann kann es laut RKI zu stärkerem, produktivem Husten, Kurzatmigkeit bis hin zur Atemnot kommen.

Eltern sollten alle Anzeichen ernst nehmen, die auf Atemnot hindeuten, etwa wenn das Kind kurzatmig ist oder besonders schnell atmet. Manchmal bewegen sich laut Armbrust die Nasenflügel des Kindes beim Atmen besonders deutlich. Oder an den Rippen oder oben am Hals zieht sich mit jedem Atemzug die Haut nach innen.

Laut dem Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) ist auch ein „giemendes“ Geräusch beim Ausatmen ein Alarmzeichen. Giemen heißt: Beim Atmen pfeift, knistert oder zischt es.

Bei den ganz Kleinen kommt oft Trinkschwäche dazu. „Die sollte man auf jeden Fall untersuchen lassen“, sagt Sven Armbrust. Manchmal steckt nur eine verstopfte Nase dahinter, denn die Kleinen sind reine Nasenatmer. Ob es aber der Rotz in der Nase ist oder eine Entzündung der Atemwege infolge einer RSV-Infektion – das können nur der Arzt oder die Ärztin beurteilen.

Ein weiteres Alarmzeichen sind bläulich verfärbte Lippen. Sie weisen darauf hin, dass bereits ein Sauerstoffmangel im Gewebe vorliegt. „Das alles sind Alarmsignale, die Eltern auf jeden Fall dazu bringen sollten, das Kind beim Arzt vorzustellen“, sagt Armbrust.

Das gilt auch für den Fall, dass die Infektion mit hohem Fieber einhergeht. Denn dies spricht oft dafür, dass im Körper noch eine zweite Infektion mit Bakterien vorliegt. Das RS-Virus ist nämlich ein Türöffner für andere Erreger wie etwa Pneumokokken.

All die genannten Anzeichen sind Grund genug, rasch mit dem Kind eine Kinderarztpraxis oder die Notfallambulanz aufzusuchen. „Es gilt die Faustregel: Je kleiner die Kinder sind, desto schneller sollte man jemanden draufschauen lassen“, sagt Armbrust.

Hat das anderthalbjährige Kind Schnupfen und niest, ohne Anzeichen für Atemnot, „kann man bis zum nächsten Tag warten mit dem Kinderarztbesuch“, so Armbrust. Leidet der Säugling aber unter Atemnot, sollte man mit dem Abklären nicht warten.

Kinder mit angeborenen Erkrankungen des Herzens oder der Lunge oder neurologischen Erkrankungen haben ein erhöhtes Risiko dafür, dass die RSV-Infektion bei ihnen schwer verläuft. Das gilt auch für Frühgeborene.

Diese Kinder können durch eine passive Immunisierung geschützt werden. Palivizumab ist ein Antikörper, der Kindern in der RSV-Saison alle vier Wochen gespritzt werden kann. Laut dem Robert-Koch-Institut setzt die Schutzwirkung ein, sobald die erste Dosis verabreicht wird. Nach der zweiten legt sie aber noch mal zu.

Diese passive Immunisierung empfehlen die medizinischen Fachgesellschaften nur Kindern, die den Risikogruppen angehören. Allerdings sind laut Facharzt Armbrust rund zwei Drittel der Kinder, die derzeit stationär behandelt werden, kein Teil der Risikogruppe, sondern sogenannte „reife Säuglinge“.

Zu Risikopatienten zählt das RKI zudem generell Menschen mit Immunschwäche oder unterdrücktem Immunsystem.

„Das ist ganz schwierig“, sagt Facharzt Armbrust. „Der Erreger ist da. Einigeln geht nicht.“ Schließlich zirkuliert das RS-Virus nicht nur unter den Kleinen.

Das Virus kann in der Luft oder auf Oberflächen bleiben und sich auf diesem Wege übertragen, zum Beispiel wenn man einen Einkaufswagen berührt, auf den zuvor ein erkälteter Erwachsener mit RS-Viren geniest hat.

Aber die bekannten Hygieneregeln können das Risiko einer Infektion etwas senken. „Wer die Haustür durchschreitet – vom Einkaufen kommt oder von der Arbeit –, geht sich die Hände waschen“, empfiehlt Armbrust. „Damit lässt man eine gewisse Anzahl an Erregern nicht zu Hause rein.“

Was das Immunsystem aber unterstützt, damit es seinen Job möglichst gut machen kann: ausreichend trinken. Denn das hält die Schleimhäute feucht. „Ich sage den Eltern dann immer: Das Virus rutscht aus auf der glatten Oberfläche und kann sich nicht festbeißen.“

Hundertprozentigen Schutz vor einer RSV-Infektion gibt aber nicht. Vor allem dann nicht, wenn es noch ein Geschwisterkind gibt, das schon in die Kita geht.

RSV-Atemwegserkrankungen kommen nach Schätzungen weltweit mit einer Inzidenz von 48,5 Fällen und 5,6 schweren Fällen pro 1000 Kinder im ersten Lebensjahr vor.

Innerhalb des ersten Lebensjahres haben laut RKI normalerweise 50 bis 70 Prozent und bis zum Ende des zweiten Lebensjahres nahezu alle Kinder mindestens eine Infektion mit RSV durchgemacht. Im Zuge der Corona-Schutzmaßnahmen waren viele solche Infektionen allerdings zeitweise ausgeblieben.

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