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Adblue: Wird der Diesel-Zusatz wieder billiger?

Adblue: Wird der Diesel-Zusatz wieder billiger?

Derzeit deutet vieles auf eine Entspannung auf dem Markt für Adblue hin. Lohnt es, das Diesel-Additiv zu bevorraten? Steigt der Preis bald wieder? Das Wichtigste im Überblick.

Düsseldorf Rund 1,1 Milliarden Liter Adblue werden in Deutschland pro Jahr verbraucht. Vor allem Lkw benötigen größere Mengen. Ihre Dieselmotoren – und damit der Fernverkehr – laufen ohne den Treibstoffzusatz nicht. Kommt es zu Versorgungsengpässen, fallen Lieferketten aus und Supermarktregale bleiben leer.

Noch im Oktober warnte der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung vor den Folgen eines anhaltenden Adblue-Mangels. Spediteure mussten vereinzelt bereits aus Notfallvorräten versorgt werden. Der Preisanstieg war rasant: Im August 2022 erreichte der Dieselzusatz sein Allzeithoch und kostete bis zu drei Euro pro Liter – viermal so viel wie noch zu Jahresbeginn. Derzeit scheint sich die Lage etwas zu entspannen.

Wie wird sich der Preis künftig entwickeln? Wird Adblue wieder günstiger? Warum kam es im Sommer 2022 zu einem Mangel? Wie sinnvoll ist es derzeit, das Dieseladditiv auf Vorrat zu kaufen? Die wichtigsten Fragen und Antworten für Verbraucher zum Thema Adblue.

Aktuell kostet ein Liter des Dieselzusatzes zum Nachfüllen an Tankstellen in Städten laut dem Portal „Clever-Tanken“ zwischen 1,50 und 1,75 Euro (Stand: 07.12.2022). Ein Zehnliter-Kanister mit Einfüllstutzen ist im Internet für 15 Euro zu haben.

Damit ist Adblue zwar noch immer deutlich teurer also vor dem Ukrainekrieg und der damit verbundenen Gaskrise. Doch mit den sinkenden Gaspreisen in den letzten Monaten ist auch der Harnstoffzusatz wieder billiger geworden. Laut den Marktforschern von Argus Media lagen die Produktionskosten bei den Herstellern und damit die Preise im August doppelt so hoch wie aktuell.

Bei Adblue handelt es sich um ein Harnstoff-Wassergemisch, mit dessen Hilfe die Abgase von Dieselfahrzeugen gereinigt werden. Die Flüssigkeit reagiert in der Abgasanlage von Pkw oder Lkw mit Stickoxiden und macht daraus harmlosen Stickstoff und Wasserdampf.

Ohne den Zusatz können die Fahrzeuge nicht fahren. Wenn der Tank für diesen Spezialzusatz leer ist, stellt das Auto automatisch den Motor ab – das ist die gesetzliche Vorschrift. Die Flüssigkeit muss also regelmäßig nachgetankt werden.

Das hängt von der weiteren Entwicklung des Erdgaspreises ab. „Wenn dieser wieder so stark steigt wie im Sommer 2022, wird die Adblue-Produktion wieder unwirtschaftlich, da sie nur ein kleiner Teil der Ammoniakwertschöpfungskette ist“, erläutert Hagen Reiners von Argus Media. Dann könnten Produktionsanlagen europaweit wieder gedrosselt oder ganz heruntergefahren werden.

Laut dem Experten sei es unsicher, ob die geplante Gaspreisdeckelung für die Industrie in Deutschland die Adblue-Produktion stabilisieren wird. Denn die großen Produzenten könnten sich entscheiden, den Erdgaspreisdeckel nicht in Anspruch zu nehmen, weil dieser an Bedingungen geknüpft ist, die für sie unattraktiv sein könnten. In Deutschland wird beispielsweise weiterhin ein Dividenden- und Boniverbot für Unternehmen diskutiert, die Gaspreishilfen in Anspruch nehmen.

Die Produktion von Harnstoff ist sehr eng mit der Lage auf den Erdgasmärkten verknüpft. Die Gaspreise bestimmen gleich auf zweifache Weise die Kosten: Ammoniak und damit Harnstoff wird aus Erdgas gewonnen, zudem ist Gas Hauptenergielieferant für die Produktion.

Mit dem Hochschießen der Gaspreise im Sommer war die Herstellung für mehrere große Chemieunternehmen nicht mehr wirtschaftlich – trotz Preiserhöhungen. So stellte der führende deutsche Produzent SKW Piesteritz im August die Produktion ein, andere fuhren die Anlagen auf ein niedrigeres Niveau herunter.

Im August kam es nach Angaben von Argus Media zu einer Knappheit bei Adblue und einer weiteren, deutlichen Verteuerung. Im Herbst aber hat SKW die Produktion wieder aufgenommen, zugleich sanken die Gaspreise an den Terminmärkten. Das hat zu einer deutlichen Entspannung und sinkenden Preisen geführt. Die Verfügbarkeit sei aktuell sehr gut, es gebe genug Ware am Markt, heißt es bei Argus Media.

Im langfristigen Vergleich zeigt sich aber die deutliche Verteuerung: Adblue ist aktuell noch viermal so teuer wie im Durchschnitt der Jahre 2008 bis Sommer 2021.

Das hängt vom individuellen Verbrauch und den weiteren Gaspreisen ab. Da Erdgas in Deutschland und Europa dauerhaft teurer bleiben dürften als vor dem Ukrainekrieg, ist ein starker Preisverfall nicht zu erwarten.

Prinzipiell ist Adblue laut dem ADAC für mindestens zwölf Monate haltbar. Dazu darf die Lösung aber nicht Temperaturen über 30 Grad ausgesetzt sein und muss im Schatten gelagert werden. Ideal seien Temperaturen zwischen fünf und 20 Grad. Ab minus 11,5 Grad gefriert Adblue, kann aber nach dem Auftauen ohne Qualitätsverlust wieder verwendet werden, erklärt der ADAC.

Der Verkehrsclub rät von Hamsterkäufen ab, ein kleinerer Vorrat sei aber durchaus ratsam.

Den Zusatzstoff können Verbraucher in Tankstellen, Werkstätten, Baumärkten oder auch im Versandhandel kaufen. Werkstätten nutzen meist spezielle Befüllungsgeräte. Man kann Adblue aber auch selbst nachfüllen. Dazu gibt es spezielle Schläuche oder Flaschen, etwa die Kruse-Flasche.

Das richtet sich nach dem Kraftstoffverbrauch beziehungsweise nach der zurückgelegten Strecke. Laut ADAC ist das Auffüllen alle 5000 bis 15.000 Kilometer nötig. Bestenfalls sei der Adblue-Tank im Auto so groß, dass nur im Rahmen der üblichen Inspektionsintervalle in der Werkstatt nachgetankt werden muss. Die Anzeige im Auto zeigt früh genug an, wenn Adblue knapp werden könnte.

Höher ist der Verbrauch in den Diesel-Lkws, rund 1,5 Liter brauchen sie auf 100 Kilometern. Für Speditionen ist der Zusatz also ein größerer Kostenfaktor.

Verkauft wird das Adblue-Gemisch von vielen Händlern, produziert wird der Harnstoff aber nur von wenigen Chemieunternehmen. In Deutschland gehören dazu der Yara-Konzern, BASF und SKW Piesteritz aus dem ostdeutschen Wittenberg.

Diese Unternehmen stellen aus Erdgas, Luft und Wasser sogenanntes Ammoniak her. Dies wird dann zu Stickstoffdünger für die Landwirtschaft oder zu Harnstoff verarbeitet. Selbst produzieren darf man das Gemisch nicht, denn die Zusammensetzung ist nach einer speziellen Norm genau geregelt.

Der Verbrauch steigt tendenziell. Ein Grund sind die wachsenden Flotten der Speditionen in der Logistik. Vor allem aber werden auf EU-Ebene die Vorschriften zur Senkung des Stickoxidausstoßes schrittweise schärfer.

Aktuell gibt es Fahrzeuge mit Dieselmotor, die die Euro-6-Norm auch ohne Adblue erfüllen. Allerdings können solche Autos wegen ihrer vergleichbar schlechteren Abgaswerte von lokalen Fahrverboten betroffen sein. Städte und Gemeinden können individuell über solche Verbote entscheiden.

Absehbar ist, dass die Einschränkungen durch den Gesetzgeber zunehmen werden. So will die EU im Sommer 2025 die neue Abgasnorm Euro 7 für Pkws und leichte Nutzfahrzeuge einführen, 2027 soll die schärfere Regelung dann auch für Lkw gelten.

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